Familiäre Beziehungen
Lorle (Eleonore) erblickte 1930 im heutigen Tovarníky in der Slowakei als zweites Kind von Leo (Leopold) und Leni (Helene) Haupt-Stummer, geborene Gutmann, das Licht der Welt. Dort lebte Eleonore bis zu den letzten Kriegsmonaten mit ihren Eltern und Geschwistern, Tanten und Cousinen, Großtanten und -onkeln im Kreise einer weitverzweigten und dennoch eng miteinander verbundenen Großfamilie. Die Kindheit in diesem angesehenen und kultivierten großindustriellen Elternhaus (Zuckerindustrie) ließ ihr Raum für Fantasie und Beschäftigung mit der Natur. Familiäre Kreativität und künstlerisches Talent waren ihr in die Wiege gelegt.
Der Zweite Weltkrieg brachte eine jähe Zäsur mit sich. Nach der Flucht der Familie aus der Slowakei 1945 verbrachte Eleonore mehrere Monate bei Freunden versteckt in Kammer am Attersee, bevor sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder in die Strechen in den Rottenmanner Tauern kam. 1947 übersiedelte sie zum Studium an der Akademie der bildenden Künste nach Wien. Hier studierte sie Goldschmiedekunst (Schmuck- und Hammerarbeit von 1948 bis 1953) und arbeitete später als Entwerferin für verschiedene Juweliere. Verheiratet war sie mit James Grant (1924–2000). Gemeinsam lebten sie in Memphis (Tennessee, USA), Wien und Kitzbühel. Das Malen und Zeichnen begleitete Lorle ihr Leben lang. Bis zu ihrem Tod 2021 beschäftigte sie sich mit Blumenstillleben und Landschaftsszenen.
Blumenkinder und musizierende Insekten
Vermenschlichte Pflanzen und Insekten – verwoben mit der Welt zauberhafter Wesen – spielen in den einfach gebundenen Büchlein und Heften von Eleonore Grant die Hauptrolle. Ihre Geschichten erzählen vom Zyklus der Jahreszeiten, von Naturphänomenen, von magischen Feen und fantasievollen Tierwesen. Die Texte zu den kleinformatigen aquarellierten Tuschzeichnungen sind meist handgeschrieben, einige wurden auf der Schreibmaschine getippt. Jedes ihrer Werke ist ein Unikat, geschaffen für eine kleine, von ihr bedachte Leserschaft. Ihre Illustrationen erinnern dabei an die Bilderbücher von Ernst Kreidolf (1863–1956) und Ida Bohatta (1900–1992), die der 1930 geborenen Eleonore durchaus bekannt gewesen sein könnten.
Der Schweizer Künstler Ernst Kreidolf, der seine Kindheit auf dem Bauernhof seines Großvaters verbrachte, war mit Flora und Fauna eng vertraut. Nach seiner Lithografenlehre und anschließendem Studium der Malerei schuf er seit 1894 die Aquarelle für das erste von ihm publizierte Buch mit dem Titel „Blumenmärchen“. Er lässt darin seine personifizierten Blumenkinder sprechen, singen, tanzen und mit von Insekten gezogenen Gefährten reisen. Nacheinander erscheinen Kreidolfs berühmte Bilderbücher. Sein Illustrationsstil ist unverkennbar, die Texte zu den bezaubernden Bildern seiner zahlreichen, bis heute gefragten Publikationen verfasste er selbst.
Die Wienerin Ida Bohatta-Morpurgo absolvierte die hiesige Kunstgewerbeschule und Meisterklasse von Franz Cizek. In ihren bis heute gefragten Büchlein lässt auch sie vermenschlichte Blumen- und Beerenkinder, Tiere und andere Fantasiewesen Geschichten erzählen. Neben ihren eigenen Bilderbüchern illustrierte sie auch Werke anderer Autorinnen.
Eleonore Grant fertigte ihre eigenen fantasievoll illustrierten Büchlein nicht für eine breite Leserschaft an, sondern zum Verschenken in der Familie. Eltern, Tanten, Onkeln und Großeltern wurden damit bedacht. Die meisten schuf sie im Alter von 15 oder 16 Jahren, also um 1945 beziehungsweise 1946. Das war in einer Zeit, als das Leben der jungen Eleonore – trotz aller familiärer Geborgenheit – von Krieg und Veränderungen geprägt war. Möglicherweise verhalfen ihr ihre Kreativität und ihr künstlerisches Talent, den Alltag der damaligen Lebenssituation besser zu meistern. Die kleinen Geschenke sind von ihr liebevoll illustriert worden. Die Urheberschaft der Texte lässt sich nicht mehr gänzlich klären. Sie könnten auch von beziehungsweise gemeinsam mit ihrer Cousine Viola Thuronyi geschrieben worden sein.
Denn sechzig Jahre nach diesen kleinen Büchlein illustrierte sie für ihre Neffen und Nichten wieder die Jahreszeiten und auch die Weihnachtsgeschichte. Ihre 1925 geborene Cousine Viola, mit der sie stets verbunden war, schrieb die Gedichte dazu. Es könnte also auch früher so gewesen sein. Eleonore und Viola hatten in der Nähe zueinander in der Slowakei gelebt und später war Viola über Monate hinweg Gast in der Strechen, bevor sie um 1947 als Nonne ins Kloster Sacré Coeur Graz eintrat. Später lebte sie in Bregenz im Kloster Sacré Coeur Riedenburg, wo sie 2013 verstorben ist.
Technik und Fertigung
Die Bilder wurden extra angefertigt und in die Büchlein geklebt. Diese einfachen Büchlein – sowie ein für die Sammlung übernommener Kalender – sind mit einem Faden zusammengebunden. Sie stellen Unikate dar. Es handelt sich durchwegs um aquarellierte Tuschzeichnungen. Einige überzählige Illustrationen sind als Einzelblätter ebenfalls erhalten geblieben. Die Weihnachtsgeschichte liegt als kopiertes Exemplar vor.
Nora Witzmann
Kuratorin der Sammlung Bild–Druck–Papier
10.11.2025