Stickvorlagen


Die im Sammlungsbestand des Volkskundemuseum Wien befindlichen Musterblätter für Straminstickerei geben Einblick in die Vielfalt an Motiven der seit der Biedermeierzeit in Massen hergestellten Stickvorlagen. Ein schier endloses Angebot an figuralen, floralen und ornamentalen Vorlagen auf Patronenpapier stand im 19. Jahrhundert zur Auswahl. Die Stickmuster wurden von Damen gehobener Schichten für ihre Handarbeiten als standesgemäße Freizeitbeschäftigung im geselligen Kreis genutzt, aber genauso von Stickerinnen, die damit ihren Unterhalt verdienen mussten.

Der Bestand im Museum besteht aus rund 200 Stickvorlagen für Straminstickerei. Es handelt sich dabei um Einzelblätter unterschiedlichster Formate, wovon wiederum die Mehrzahl als handkolorierte Tupfmuster ausgeführt ist. Die Stickvorlagen stammen zumeist aus dem Angebot bekannter Verlage und Kunsthandlungen in Wien und Berlin. Besonderes Augenmerk gilt in diesem Beitrag den Blättern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Stickvorlage mit Blütenband, 1815 bis 1848, Wien, ÖMV/87238/065Volkskundemuseum Wien, CC PDM 1.0
 



Weibliche Handarbeit zwischen geselliger Beschäftigung und Lohnarbeit

Betrachtet man die in der Biedermeierzeit verwendeten Stickvorlagen mit üppigen Rosenblüten, idealisierten Landschaften und Symbolen der Freundschaft, so passen diese Sujets genau in das Bild der retrospektiven Verklärung dieser Epoche. Wer es sich leisten konnte, versuchte durch den Rückzug in das Häuslich-Familiäre die wirtschaftliche Not und politische Unterdrückung auszublenden.

Die am Fenster sitzende, zum Zeitvertreib stickende Dame des Hauses in der Geborgenheit der Familie oder im geselligen Kreis, darf nicht über die Not vieler Frauen im 19. Jahrhundert hinwegtäuschen. Die Damen gehobener Bürgerschichten demonstrierten mit der Muße für das Sticken zwar, dass sie es nicht nötig hatten, gröbere Arbeiten zu verrichten. In Wahrheit war die häusliche Beschränkung aber erzwungen, denn es galt – mit wenigen vertretbaren Ausnahmen – als nicht standesgemäß, einen Beruf zu erlernen beziehungsweise einem nachzugehen. Für zahlreiche finanziell schlechter gestellte Frauen war die tägliche Arbeit am Stickrahmen allerdings keine Freizeitbeschäftigung. Heimarbeiterinnen mussten oftmals für geringen Lohn für Firmen und Großhandlungen arbeiten, um sich damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihnen allen gleich vertraut waren hingegen die Vorlagen, die sie für ihre Stickereien verwendeten. Die im Volkskundemuseum Wien gesammelten Vorlagenblätter stammen aus privatem Umfeld und nicht aus Fabriken. Es darf daher angenommen werden, dass diese Vorlagen für die häusliche Handarbeit bestimmt waren.


Die Welt wird bunt

In gut situierten bürgerlichen Kreisen des 19. Jahrhunderts wurden die alltäglichen Näharbeiten, wenn nicht von Dienstboten, dann tagsüber von der Hausfrau erledigt. Anders verhielt es sich mit feinen Handarbeiten als weiblicher Freizeitbeschäftigung. Gestickt, gestrickt und gehäkelt wurde dabei im Kreise der Familie, bei geselligen Anlässen wie Teegesellschaften und Kaffeekränzchen sowie bei Zusammenkünften in den Salons. Die Straminstickerei nach kolorierten Vorlagen war eine Art dieser Zurschaustellung von kunsthandwerklichem Zeitvertreib. Dafür bedurfte es passender Vorlagen und die wurden der Kundschaft in reicher Zahl und mit immer neuen Motiven zum Kauf angeboten. Neben der florierenden Verlagsproduktion in Berlin, konnte auch die Wiener Kundschaft aus dem vielfältigen Angebot der hier ansässigen Kunsthändler ihre Vorlagenblätter wählen. Im Volkskundemuseum Wien findet man einen Querschnitt aus dem Angebot vorwiegend Berliner und Wiener Erzeugung.

Die Straminstickerei oder sogenannte Tapisserieware umfasst all jene Techniken, bei denen die Stiche den ganzen Grundstoff bedecken und nach gezählten Fäden gearbeitet werden. Gestickt wurde beispielsweise im Kreuz-, Perl-, Gobelin- und Flachstich sowie speziellen Stichen, die zur Nachbildung von orientalischen Teppichen verwendet wurden. (Dillmont o.J.: 199) Stramin ist ein steifes, gitterartiges Gewebe, welches abhängig von seiner Verwendung zum Sticken oder Knüpfen unterschiedliche Stärke und Feinheit aufweist. Aufgrund der zunehmenden Beliebtheit der mehrfarbigen Stickerei auf Stramin, lieferten Kunsthändler und Verleger ihrer Kundschaft seit Anfang des 19. Jahrhunderts erschwingliche Einzelblätter als Vorlagen mit bereits kolorierten Motiven auf Papier. Das waren anfänglich handkolorierte, später schablonenkolorierte und gedruckte Muster auf Einzelbögen, in Vorlagenwerken sowie als Beilagen in Modezeitschriften.

Für die Stickvorlagen verwendeten die Hersteller Patronenpapier mit quadratischer Rastereinteilung. Das sogenannte Tupfpapier (Papier quarrée) erleichtert die Umsetzung von der freien Zeichnung in eine Stickvorlage sowie das Abzählen beim Sticken selbst. Ein Quadrat der Vorlage entspricht einem Stich auf dem Stramin. Dem Entwurf des Dessins folgt die Vorbereitung für den Druck mit Kupferplatten. Dabei konnten entweder nur die Konturen der Motive oder auch die Farbangaben durch ein System unterschiedlicher Zeichen als Hilfsmittel für die Koloristen in die Platten eingestochen sein. Diese Farbcodierung ist unter der Kolorierung meist noch gut erkennbar. Kupferstecher erledigten die weitere Umsetzung. Danach waren Stickmustermaler und Stickmustermalerinnen mit dem Kolorieren der Abzüge beschäftigt. Für die Farbgebung wurden Gouache- oder Wasserfarben mit Gummiwasser vermischt und mit einem feinen Haarpinsel Quadrat für Quadrat aufgetragen beziehungsweise getupft. Daher stammt auch die Bezeichnung „Tupfmuster“.

Carl Uffenheimer erhielt bereits 1829 in Wien ein Privileg für seine Erfindung verliehen, nämlich „Stickmuster auf Papier oder auf jeden andern Stoff mittels einer neuen Art, statt mit freyer Hand zu illuminieren, durch Patronen aufzutragen, wodurch sie fehlerfrey erzeugt werden, und bey der größten Vollkommenheit viel weniger kosten“. (o.A. 1829: 835) Die beiden Blätter aus diesem Verlag (ÖMV/87238/040, ÖMV/87238/041) weisen auch tatsächlich keine gestochenen Farbangaben auf. Beim Übertragen der Motive von der Vorlage auf das Gewebe half, dass die Hersteller die Linien des Patronenpapiers im Abstand von zehn Kästchen über den Raster hinaus verlängerten. Die am rechten oberen Rand der Stickmustervorlagen angegebenen Dessinnummern geben in der Regel keinen Hinweis auf Datierung oder Verlagsangebot, da nicht fortlaufend nummeriert wurde. Auf manchen Museumsvorlagen finden sich Preisangaben.

Die Vorliebe für Blumenmotive in all ihrer Vielfalt kommt auch in den Objekten des Volkskundemuseum Wien zum Ausdruck. Dabei bestätigt sich, dass die floralen Darstellungen in der Zeit des Biedermeier, aber auch darüber hinaus, selten ohne Rosen auskommen. Die gesammelten Vorlagen zeigen Arrangements mit Vergissmeinnicht, Narzissen, Lilien, Primeln und vielen weiteren Blütendarstellungen in mehr oder weniger naturalistischer Ausführung. In immer wieder neuer Zusammenstellung finden sich Entwürfe für Blumenbouquets, Blütenkränze, üppige Bordüren sowie zarte Bandmuster. Ein Blatt zeigt exotische Gewächse, wie eine Schlauchpflanze oder die Blüte der Ruhmeskrone (ÖMV/87238/082). Dem Biedermeier entsprechend finden sich Embleme der Freundschaft, Liebe und Erinnerung mit den dafür typischen Gedenksteinen, Urnen, Säulen, Trauerweiden und Füllhörnern. Idealisierte Landschaften mit Bauwerken, Genrebilder, Tier- und Jagdmotive, Chinoiserien und romantisierende Szenen aus dem Landleben fehlen ebenso wenig wie die Figuren der Kaufrufe. Hinzu kommen religiöse Motive und ornamentale Musterrapporte. Nicht immer ist der Verwendungszweck der Muster nachvollziehbar. Offensichtlich ist es beispielsweise bei Motiven für Hauspantoffel (ÖMV/87238/069), Beutel und Taschen (ÖMV/87238/083), Brieftaschen (ÖMV/87238/081) und Notizbücher (ÖMV/43386/002, ÖMV/43386/003).


Von Kunsthändlern und Verlegern

Das vermutlich älteste Stickmuster in der Sammlung des Volkskundemuseum Wien entstand in Augsburg und wurde bei Johann Christoph Haffners Erben zwischen 1754 und 1800 verlegt. Es zeigt noch einfarbig schwarz getupfte Blütensprosse, die vermutlich als Vorlage für eine Leinenstickerei gedacht waren (ÖMV/87238/019). Im Folgenden gilt das Augenmerk allerdings den farbig ausgeführten Stickvorlagen für Stramin aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Berlin behauptete im 19. Jahrhundert eine führende Stellung als Produktionszentrum für Stickvorlagen. Der dort ansässige Entwerfer und Herausgeber von Vorlagen A. Philipson publizierte bereits um 1804 seine kolorierten Zählmuster. Im Volkskundemuseum Wien befindet sich nur ein späteres Blatt aus diesem Verlag (ÖMV/87238/082). Die Qualität der Berliner Stickmuster war auch in Wien bekannt. Der Wiener Kunsthändler Anton Paterno, welcher neben Bilderbogen, Spielen und Glückwunschkarten eben auch Stickvorlagen vertrieb, kündigte 1826 in der Wiener Zeitung an, dass er „soeben von Berlin eine bedeutende Sendung neuer besonders schöner Stickmuster“ erhalten hat. (o.A. 1826: 376) Anton Paterno betrieb seine Kunsthandlung auf dem Neuen Markt von 1819 bis zu seinem Tod im Jahre 1835, danach führte seine Witwe den Verlag weiter. Einige seiner Mustervorlagen im Museumsbestand scheinen in seinem Verlagskatalog von 1832 auf, welcher im digitalen Bestand der Wienbibliothek einsehbar ist. (Kunsthandlung Anton Paterno 1832)

Wien konnte sich als Herstellungsort von Stickvorlagen aber durchaus mit der Berliner Konkurrenz messen. Ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 1839 betreffend den „Stick-, Strick- und Teppichmustern auf Papier von Heinrich Friedrich Müller, Kunst- und Musikalien-Händler am Kohlmarkt Nr. 1149“ im Zusammenhang mit der Zweiten Industrie- und Gewerbs-Produktenausstellung verweist auf diesen Wettstreit. Der Autor äußert sich empört: „Es ist gegenwärtig in mehreren teutschen Zeitschriften ein Artikel zu lesen, worin Berlin als Hauptsitz der Stickmusterverleger genannt und angegeben wird, daß von dort aus die derartigen Erzeugnisse nach allen Seiten der civilisierten Welt versendet werden, weswegen die dortigen Verleger keine Konkurrenz zu fürchten hätten. Diese Behauptung klingt wirklich sehr sonderbar, wenn man erwägt, daß Berlin nicht der einzige Ort Europa‘s ist, von dem die kultivierte Damenwelt unseres Erdballs mit Stickmustern versehen wird, indem sich in Wien die obbenannte Kunsthandlung befindet, welche schon seit circa 30 Jahren den Stickmusterverlag im größten Umfange betreibt, und welcher dieser Kunstzweig eigentlich seine Entstehung verdankt. […] Mit Ausnahme von Spanien und Portugal unterhält diese Kunsthandlung in allen europäischen Ländern Handelsverbindungen, und hat namentlich in Paris, London, Petersburg, Moskau, Hamburg u.s.w. Depots. Die ausgestellte bedeutende Anzahl von Stickmustern enthielt Bouquets, welche die Berliner an geschmackvoller Zusammenstellung übertreffen.“ (Kolb 1839: 550)

Heinrich Friedrich Müller gehörte zu den frühen Wiener Erzeugern und Händlern von kolorierten Stickvorlagen. Seine qualitativ hochwertigen und vielfältigen Vorlagen sind im Bestand des Volkskundemuseums am häufigsten vertreten. Einige davon scheinen in einem seiner Stickmusterkataloge auf, welcher im digitalen Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek zu finden ist. (Müller, Heinrich Friedrich o.J.) Der in Hannover geborene Müller war 1805 nach Wien gezogen und übernahm 1807 eine Kunsthandlung am Kohlmarkt. Manche der Blätter sind mit den Initialen „IZ“ versehen, dem Kürzel eines von rund 150 dort beschäftigten Kupferstechern und Koloristen. Ein großes Repertoire an Stickvorlagen von unterschiedlichen Dessins und Qualitäten hielt auch Jeremias Bermann, der 1815 das Geschäft seines Schwiegervaters Joseph Eder übernahm, für seine Kundschaft bereit.

Zuletzt seien noch zwei Berliner Verlage erwähnt, von welchen sich in der Museumssammlung die meisten Vorlagen befinden und die gleichzeitig für die Stadt Berlin als Produktionszentrum bedeutend waren. Der Kunstverlag von Ludwig Wilhelm Wittich verlegte seit 1810 qualitativ hochwertige Stickvorlagen. Sein umfangreiches Repertoire beinhaltet unter anderem fantasievolle Chinoiserien sowie die romantisierten Figuren der Kaufrufe, die als Wanderhändler und Wanderhändlerinnen ihre Waren feilboten. Annähernd gleichviele Blätter stammen aus dem Verlag von M. Levy, der ähnliche Abbildungen wie Wittich vertrieb. Von ihm sind im Museumsbestand ebenfalls unterschiedliche Entwürfe vorhanden, darunter Genrebilder.


Nora Witzmann

Kuratorin der Sammlung Bild-Druck-Papier

10. Juni 2025



Literatur:

Dillmont, Thérese von: Encyklopaedie der weiblichen Handarbeiten. Neue, vermehrte und verbesserte Ausgabe. Dornach (Elsass) o.J. [ca. 1900], S. 199.

Heiden, Max (Bear.): Handwörterbuch der Textilkunde aller Zeiten und Völker. Stuttgart 1904.

Kolb, Franz Joseph: Industrielle Mittheilungen. Zweite Industrie- und Gewerbs-Produkten-Ausstellung im k. k. polytechnischen Institute in Wien. In: Der Adler 04.07.1839, S. 550. (abgerufen am 10.06.2025)

Müller, Heidi: Rosen, Tulpen, Nelken … Stickvorlagen des 19. Jahrhunderts aus Deutschland und Österreich. 2. Auflage. Berlin 1982.

Müller, Heinrich Friedrich: [Stickmusterbuch des Biedermeier, zwischen 1815 und 1830] (abgerufen am 10.06.2025)

o.A.: Anton Paterno, k. k. privil. Kunsthändler, am neuen Markt Nr. 1064. In: Oesterreichisch-Kaiserliche privilegirte Wiener-Zeitung 15.04.1826, S. 376. (abgerufen am 10.06.2025)

o.A.: Ausschließende Priviliegien. In: Amts-Blatt zur Oesterr. Kaiserl. priv. Wiener-Zeitung 09.06.1829, S. 835. (abgerufen am 10.06.2025)

Kunsthandlung Anton Paterno (Hg.): Verlags-Catalog der Kunsthandlung des Anton Paterno in Wien, am Neuen Mark, No. 1064. Wien 1832. (abgerufen am 10.06.2025)
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