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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIV/ 103
1999 beschreiben nun Wolfgang Maderthaner, Stadtarchivar und Ge-schäftsführer des Vereins für die Geschichte der Arbeiterbewegung, undLutz Musner, Wissenschaftssekretär des Internationalen Forschungszen-trums Kulturwissenschaften ,,, das andere Wien um 1900". Sie betiteln ihrBuch ,, Die Anarchie der Vorstadt". Es handelt allerdings überwiegend vonden Vororten- den 1890 bis 1892 eingemeindeten Stadtbezirken 11 bis 19-ausserhalb der Gürtelstrasse, Favoriten und Floridsdorf. Üblicherweiseübersehen Kulturleute und Fremdenverkehrsmanager, die sich mit der Wie-ner Moderne beschäftigen, diese Orte und ihre Menschen. Maderthaner undMusner hingegen machen das Randständige zum Mittelpunkt einer komple-xen wissenschaftlichen Abhandlung. Primärquellen, Polizeiprotokolle undParteiarchive ergänzen sie durch Beobachtungen zeitgenössischer Literaten.Die Autoren beginnen den Lokalaugenschein in klassischen Proletariervier-teln des 16. Bezirks. Ihr erster Eindruck: ,, Das soziale Elend war und ist...hinter einer Fassade von beeindruckender Schönheit verborgen... Die Zins-kasernen der Ottakringer-, Thalia-, Kopp- und Herbststrasse sind... wahrePrachtbauten, die den berühmten Ringstrassenpalais in vielen Fällen nur umweniges nachstehen."
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Vor Jahrhunderten war Neulerchenfeld berühmt- berüchtigt als ,, des Hei-ligen Römischen Reichs grösstes Wirtshaus“: Von den 156 Häusern hatten103 eine Schankberechtigung und 83 übten sie aus. Mit fortschreitenderIndustrialisierung Wiens wies Neulerchenfeld- wie die angrenzenden Ge-biete von Ottakring, Hernals und Fünfhaus- einen hohen Anteil an Substan-dardwohnungen mit dichter Belegung und hohem Untermieteranteil auf.Fabriksansiedlungen bewirkten bereits um 1870 einen teilweise städtischenCharakter jener Bezirke. Im Weltausstellungsjahr 1873 sprach ein BerlinerSchriftsteller von einem ,, Mittelding zwischen einer Fabriksstadt und einemDorf", mit einer ,, lärmenden Bevölkerung und viel Staub". Der Gast erlebtedie VolkssängerInnen in den Gasthöfen und Liederhallen und das vielzitiertePhäakentum als eigentümlichen Gegensatz zur Industriekultur.
,, Die zeitversetzte, späte Blüte des Volkssängertums, die in einer offen-sichtlichen Ungleichzeitigkeit zur rapiden urbanen Entwicklung der Hoch-gründerzeit steht, verweist auf den Widerspruch von Stadtgestalt und Be-wusstsein. In ihr manifestiert sich das, Dorf im Kopf', wo dieses als Stadt-signatur gar nicht mehr vorhanden ist. Indem sie[ die Volkssänger]Widerstand, Subversion und Ironie gegen die Ratio der Moderne setzen,schaffen sie einen Mythos von Gemeinschaft, bevor sich diese in die Anony-mität des Grossstadtlebens auflöst. Sie repräsentiert eine Kultur des Über-gangs", konstatieren Maderthaner und Musner. Sie thematisieren die Über-gänge vom Feudal- Popularen zur Popularmoderne und zur Massenkultur:Vorstädte und Vororte als Zonen verdünnter Urbanität, als Graubereiche oder