Jahrgang 
115 (2012) / N.S. 66
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Literatur der Volkskunde

tungen an die Werke Michel Foucaults und Pierre Bourdieus. Mit dendrei Grazer Dissertationen liegen damit Studien vor, die Theorien gro-Ber Reichweite, methodisch fundiert, empirisch nachvollziehen, eineLeistung, die vollste Anerkennung verdient.

Silke Meyer

Daniel Habit: Die Inszenierung Europas?

Kulturhauptstädte zwischen EU- Europäisierung, Cultural Governanceund lokalen Eigenlogiken(= Münchner Beiträge zur Volkskunde 40).Münster u.a.: Waxmann 2011. 328 Seiten.

Drei Kulturhauptstädte ethnographisch zu durchleuchten, die sichvor diesem Hintergrund etablierenden und artikulierenden Eigenlo-giken offenzulegen und gleichzeitig mit den regulierenden EU- Pro-grammatiken zu kontextualisieren, scheint ein kaum zu bewältigendesUnterfangen zu sein. Daniel Habit ist dies in seiner 2011 publizier-ten Dissertationsschrift gelungen. Mit drei assoziativ- narrativen Vig-netten eröffnet Habit zunächst grundlegende kulturwissenschaftlichePerspektiven auf Konzeptionen Europas und Praktiken der Europä-isierung. Dabei bezieht sich der Autor etwa auf die Arbeiten GiselaWelz', die sich für die Konstruktionsprozesse Europas interessiert unddie fordert, Wechselwirkungen zwischen Formen der EU- politischenGouvernementalität und deren Effekten auf einer lebensweltlichenEbene zu untersuchen. Gerade der Blick auf Formen und Formationendes Regierens zeigt- so etwa die Arbeiten Marc Abélès'-, wie hetero-gen letztlich Gremien, Bürokratien oder Institutionen» der EU«< sind.

Dass sich aus dieser Heterogenität schließlich jedoch mehr oderweniger kohärente Strukturen oder Programme ergeben können, be-legt Daniel Habit in einer Rekonstruktion des Kulturhauptstadtpro-gramms. Nach Initial-, Erprobungs- und Etablierungsphase- so HabitsAnalyse wurden in einer Steuerungsphase Regeln der Auswahl kodi-fiziert, die Jury professionalisiert und Erwartungen an eine nachzuwei-sende europäische Dimension der Bewerbungen formuliert. Mit einem2006 publizierten Leitfaden für Bewerbungen fanden die zum Startdes Programms in den 1980er Jahren weitestgehend flexibel und offengehandhabten Regeln eine neue, verbindlichere Form. Habit interpre-

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