Jahrgang 
115 (2012) / N.S. 66
Seite
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Geburtstag

Vergessene Volkskunst auf zartem Gespinnst

Die aquarellierte Darstellung einer Pustertaler Tanzstube¹ wurde etwaum 1790 auf einem selten verwendeten Malgrund angefertigt. Die 1915vorgenommene Inventarisierung als» Spinnwebbild«< ist irreführend,und tatsächlich wurde lange Zeit vermutet, dass es sich bei dem Trä-germatieral um Spinnweben handle. Zu diesem Trugschluss vermagauch die aufgemalte Spinne in der linken Bildecke beigetragen haben,deren lange Beine und der kleine, kugelige Körper aber eher an einenWeberknecht denken lassen. Außerdem verewigte sich der Urheberder Bilder, der Südtiroler Maler Johann Burgmann auch manchesmalmit einer aufgemalten Fliege auf seinen Werken. Burgmann, dessenGeburtsdatum unbekannt ist, stammte aus St. Georgen bei Bruneck inSüdtirol. Verarmt starb er dort im Jahre 1825. Von ihm sind die meis-ten Werke der heute bekannten Raupengespinstbilder erhalten geblie-ben, darunter zahlreiche Heiligendarstellungen, volkstümliche Szenen

und Porträts.

Den Forschungen Karl Toldts² zufolge ging die Kunst der Raupen-gespinstmalerei vom Südtiroler Pustertal( Bruneck und Umgebung)aus. Dort wurde auch das Material für den Malgrund gesammelt. Aberauch in Nordtirol und Salzburg wurde dieses Kunstgewerbe ausgeübt.Die Verwendung von Spinnweben ist aufgrund nachgewiesener Be-lege nicht gänzlich auszuschließen, aber doch vernachlässigbar selten,wie Toldt feststellte, der die verwendeten Gespinste erstmals mikro-skopisch untersuchte. Bei dem zarten und durchscheinenden Unter-grund des Bildes, der an feinstes Seidenpapier erinnert, handelt es sich

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Raupengespinstbild: Pustertaler Tanzstube, Aquarell auf Raupengespinst, sign. Jo-hann Burgmann fecit. 22,3 x 28 cm, Hartholzrahmen, unter Glas, Südtirol, um 1790,ÖMV 34.727.

Karl Toldt: Über die Tiroler Spinnweben- bzw. Raupengespinst- Bilder(= Veröf-fentlichungen des Museum Ferdinandeum). Wagner 1946/1949, hier bes. S. 169. ZuSpinnweb- und Raupengespinst- Bildern s. weiters: Karl Toldt: Zu den Forschungenüber die Tiroler Spinnwebbilder«. In: Der Schlern 27, 4, 1953, S. 165–174; Ders.:Über die Spinnwebbilder- Maler. In: Tiroler Heimatblätter 25, 1950, S. 67–75; Ders.:Spinnen- oder Raupengespinste als Malgrund? Sonderabdruck aus»> ZoologischerAnzeiger«<, 1.9.1942, 139( 7/8); Eleonore Gürtler: Agnus Dei mit Kreuzfahne undBuch mit sieben Siegeln, um 1790, http: // sammellust. tiroler-landesmuseum.at/objekte/ 1840a.html( Zugriff: 10.9.2012).

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