Prekäre BeziehungenZur kulturellen Logikder Verschuldung
Silke Meyer
Die kulturelle Bedeutung ökonomischer Praktiken stehtim Mittelpunkt wirtschaftsethnologischen Forschens.Wie sind unter dieser Prämisse der Umgang mit Schul-den und das Verständnis von Kredit in der deutschenGegenwartsgesellschaft zu deuten? Kredit zu bekommenbedeutet zunächst, Geld zur Verfügung zu haben. AusSicht der ökonomischen Akteure folgt die Kreditverga-be aber auch einer kulturellen Logik: Kredit bedeutetgleichzeitig Kreditwürdigkeit und damit Inklusion undZugehörigkeit. Mit einem akteurszentrierten Zugangwird deutlich, wie stark die Interpretation von Bonitätdie Selbstkonstruktion der Schuldnerinnen und Schuld-ner sowie deren Kreditpraktiken leitet.
Die gesellschaftliche Wirkmacht von Geld und Kredit steht uns beson-ders seit der in den Jahren 2007 und 2008 ausgerufenen Finanzkriseplastisch vor Augen. Staaten und Großbanken melden Konkurs an, dieEinheitswährung Euro bröckelt, Millionen von Menschen sehen sichdurch Rezession, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit in ihrer Existenzbedroht. Schnell war in den Tageszeitungen die Rede vom verlorenenVertrauen, ohne das trotz eines Euro- Rettungsschirms im Anschlag we-der die globalen Finanzmärkte noch unsere alltäglichen Bankgeschäftefunktionieren können. Erzählungen von Gier und Maßlosigkeit, vonbad banks und toxic credit bestimmen die Berichterstattung über eineKrise, deren komplexe Strukturen die meisten Menschen längst nichtmehr durchschauen und die nicht nur deshalb- verunsichert. Kon-
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sumenten und Hausbesitzer, Anleger und Börsenmakler sind eindrück-lich daran erinnert worden, dass Geldwirtschaft weniger materiell undgreifbar ist, als wir gemeinhin annehmen. Die Finanzwelt entpuppt