Aufsatz in einer Zeitschrift 
Der andere 1. Mai : der sozialdemokratische Tag der Arbeit und die Formierung anderer Maifesttraditionen
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Der andere 1. Mai

Der sozialdemokratische Tag derArbeit und die Formierung andererMaifesttraditionen*

Margot Schindler

Der erste Mai wird primär als Tag der internationalen Sozialdemokra-tie wahrgenommen. Das ist historisch stringent, denn ihre Protagonis-ten haben ihn in seiner weltweit spezifischen Form erfunden und ge-prägt, abertausende Anhänger haben ihn Jahr für Jahr als freien Tag derSelbstrepräsentation erkämpft, bis er schließlich in den meisten Ländernals Staatsfeiertag anerkannt wurde. In Österreich geschah dies zu Beginnder Ersten Republik im Jahr 1919.

Auf eine derart machtvolle Demonstration des erstarkenden Selbst-bewußtseins der Arbeiterschaft als einer sich zu Ende des 19. Jahrhun-derts neu formierenden politischen Kraft, mussten die bis dato domi-nierenden bürgerlichen weltanschaulichen Gruppierungen reagieren.Sie versuchten verschiedene Strategien zu entwickeln, um das sich raschverfestigende politische Feld generell, und an diesem Tag besonders,nicht allein»> linken« Kräften zu überlassen. Die beiden im Österreichund auch im Wien der Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhundertsdafür maßgeblichen Kräfte waren die sich parallel zur Sozialdemokratieformierende Christlichsoziale Partei, in der sich verschiedene katholi-sche Arbeiterorganisationen sammelten, und die mächtige katholischeKirche. Beider Bemühen um Gegenprogramme zum Schutz vor dem>> zersetzenden Einfluß der Sozialdemokratie« und um alternative Ange-

Erweiterte Fassung eines gleichnamigen Artikels in der Verlagsbeilage zur WienerZeitung vom 1. Mai 2010 anlässlich der Ausstellung» Der 1. Mai. Demonstration.Tradition. Repräsentation«( 30. April bis 12. September 2010, Österreichisches Mu-seum für Volkskunde, Wien).

Für umfangreiche Recherchen in österreichischen Tages- und Wochenzeitungenzwischen 1890 und 2009 danke ich Marcel Singhal herzlich.