Jewish Cultural Studies – eine neueHeimat für die jüdische Volkskunde?
Joachim Schlör
Auch in der Wissenschaft können Namen oft bloß» Schall und Rauch«<sein. Gelegentlich zeigen Namensänderungen aber tatsächliche konzep-tionelle Veränderungen an; das war sicher der Fall, als Hermann Bausin-ger und seine Kollegen 1971 das Ludwig- Uhland- Institut» für deutscheVolkskunde<< an der Universität Tübingen in» Institut für EmpirischeKulturwissenschaft« umbenannten. Das sollte ein deutliches Zeichensetzen und das Fach mit seiner schwierigen Vergangenheit- das Institutwar 1933 gegründet worden- vom» Volkstümlichen« befreien und alsmoderne, auf der wissenschaftlichen Analyse von Quellen beruhende so-zial- und geisteswissenschaftliche Disziplin neu aufstellen.' AlternativeNamen, die ebenfalls Verwendung fanden, lauteten» Europäische Eth-nologie«( in Marburg/ Lahn, später auch an der Humboldt- Universitätzu Berlin und in Wien) oder» Kulturanthropologie«< wie in Frankfurt amMain. Neben der Kritik am deutschen universitären Erbe war vielleichtauch ein frischer Wind aus dem angelsächsischen Raum für diese Neu-orientierung mitverantwortlich.
Ich möchte im Zusammenhang dieser Tagung die Frage stellen, obes erneut die Möglichkeit gibt, die Arbeit an und mit der» jüdischenVolkskunde<< neu auszurichten und Entwicklungen aus den USA undGroßbritannien konstruktiv aufzunehmen. Anlass dafür gibt mir dieEdition einer auf drei Bände angelegten Reihe Jewish Cultural Studies,
1 Zur Fachgeschichte vgl. Hermann Bausinger, Utz Jeggle, Gottfried Korff, MartinScharfe: Grundzüge der Volkskunde. 4. Auflage. Darmstadt 1999; Silke Göttsch,Albrecht Lehmann( Hg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeits-weisen der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001; Harm- Peer Zimmermann( Hg.):Empirische Kulturwissenschaft, europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, Volk-skunde. Leitfaden für das Studium einer Kulturwissenschaft an deutschsprachigenUniversitäten. Deutschland- Österreich- Schweiz. Marburg 2005; Helge Gerndt:Kulturwissenschaft im Zeitalter der Globalisierung. Volkskundliche Markierungen.(= Münchner Beiträge zur Volkskunde, 31). New York, München, Berlin 2002.