Das Antlitz der AndachtZum Bedeutungswandelder religiösen Szene:Gebärde und Manier*
Martin Scharfe
Nachgespürt wird einem epochalen Wandel. Bilddokumente der sogenannten altenreligiösen Szene( etwa Votivbilder und Epitaphe) zeigen anfänglich ein nicht hinterfragtes( und wohl auch nicht hinterfragbares) stabiles Verhältnis des irdischen Menschen zujenseitigen Mächten. Der Umstand, daß diese klassische Szene schrumpft, gestört wird,sich allmählich auflöst und sich fragmentiert, ist nur Indiz einer unbewußt wirkendenund sich verstärkenden Glaubensskepsis. Je mehr der jenseitige Pol entschwindet, destowichtiger wird das Antlitz des Subjekts, dem anfangs keine Bedeutung zugemessen wurde,dem nun aber im Versuch der Kompensation eines im Bewußtsein nicht zugelassenenZweifels- Ausdruck abverlangt wird. Dieser Ausdruck der Religiosität erweist sich indes-sen als herstellbar. Insofern ist die Maske oder Fratze des andächtigen Antlitzes nurSymptom eines- zunächst?- unausweichlich sich vollziehenden Glaubensverlustes inmodernen Kulturen.
I. Prolog: Die wissenschaftliche Reise ist stets zu kurz
Ich will versuchen, zeigend, ratend und deutend neues Licht zu werfenauf ein altes anthropologisches Problem: auf die Frage nämlich, wiedas Verhältnis zwischen dem Innerlichkeitsphänomen Glauben( dasnur die Theologie glaubt bestimmen zu können) und seinem leiblichenAusdruck beschaffen sei( den auch eine simple Erfahrungswissenschaftfestzustellen sich traut) – ja ob denn> Glaube< überhaupt leiblichen unddamit zugleich auch kulturellen Ausdruck suche und finde( das heißt: obman ihn dem menschlichen Subjekt ansehen könne); und wenn er sich
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Vortrag, gehalten am 15. November 2013 in Graz anläßlich des sechzigstenGeburtstags von Univ.- Prof. Dr. Helmut Eberhart. Den Vortragston habeich nicht getilgt, nur einige der sehr persönlich gehaltenen Einleitungssätze habeich weggelassen.