Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Eberhart, Helmut: „Mit der Bitte um Nachsicht, Ihr Hanns Koren“

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Mit der Bitte um Nachsicht, Ihr Hanns Koren“ : Gedanken zu den wissenschaftlichen Wurzeln seiner Kulturpolitik
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2007, Heft 1

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,, Mit der Bitte um Nachsicht, Ihr Hanns Koren"Gedanken zu den wissenschaftlichen Wurzeln seiner Kulturpolitik

Helmut Eberhart

Die als Titel verwendete Zeile schrieb Hanns Koren am 22. Juli 1983 inseinen ,, Erstling" ,, Volksbrauch im Kirchenjahr, als ich ihm das Buch fast50 Jahre nach dem Erscheinen mit der Bitte um eine Widmung vorlegte. Ichbesuchte den damals Rekonvaleszenten in seinem Haus in St. Bartholomä,und er erzählte bei dieser Gelegenheit in elegischer Stimmung von seinemLeben mit der Volkskunde. Er war sich dabei sehr wohl auch mancherVersäumnisse bewusst und blickte durchaus kritisch auf seinen Umgang mitdem Fach zurück. Warum instrumentalisiere ich nun diese Zeilen nach über20 Jahren, um diesen Text einzuleiten? Die Bitte um Nachsicht dafür, waser 1934 geschrieben hatte, zeigt m.E. nicht nur die selbstverständlicheEntwicklung eines Wissenschaftlers auf, sondern kann im Kontext mitseiner Persönlichkeit auch als Ausdruck eines extremen Spannungsfeldesgedeutet werden, in dem Hanns Koren lebte wie kaum ein anderer ausunserem Fach. Im folgenden möchte ich versuchen, einerseits diese Span-nung sichtbar zu machen, andererseits der ungemein engen Verflechtungzwischen seiner wissenschaftlichen Sozialisation und seiner kulturpoliti-schen Arbeit nachzugehen.

Der 100. Geburtstag Hanns Korens( 1906-1985) war 2006 für die Stei-ermark Anlass, dem großen Sohn etliche Veranstaltungen, Artikel, eineBiografie und eine Ausstellung in ,, seinem Volkskundemuseum zu wid-men. Wenn man im Zusammenhang mit Koren vom, großen Sohn spricht,ist so gut wie immer der Kulturpolitiker gemeint. Oft wird dabei vergessen,dass Koren Ordinarius für Volkskunde an der Universität Graz war. Auchden jüngeren Studierenden des Faches ist er kaum mehr ein Begriff, seineTexte sind aus den Handapparaten einschlägiger Bibliotheken verschwun-den. Die Steiermark feiert einen ihrer bedeutendsten Kulturpolitiker, dieVolkskunde vergisst ihn?

Ein oberflächlicher Blick könnte dazu verleiten, aus dieser Tatsache denSchluss zu ziehen, Koren hätte sich eben von der Wissenschaft weg und zurPolitik hin entwickelt und sich um erstere nicht mehr gekümmert. Daher seidiese Seite seines Lebens zu recht vergessen. Ein Schluss, der jedoch zu kurzgreift. Die folgenden Gedanken versuchen der komplexen Persönlichkeitgerecht zu werden und die Frage nach der Verknüpfung der Welt desVolkskundlers mit der des Kulturpolitikers Hanns Koren zu stellen.