Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LXI/ 110, Wien 2007, 57-76
Literatur der Volkskunde
SCHARFE, Martin: Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volks-kultur. Köln- Weimar- Wien, Böhlau Verlag, 2004, 331 Seiten, s/ w- Abb.
,, Tatsächlich gibt es eine apokalyptische Kultur, die den Ekstatikern bis zueinem gewissen Grade feststehende Gesichte und Erlebnisse überliefert-so sehr es als psychologische Merkwürdigkeit anmuten mag, daß einernachfiebert, was andere vorgefiebert, und daß man unselbstständig, anlei-heweise und nach der Schablone verzückt ist." Wenn hier Martin ScharfesAbhandlung ,, über die Religion“ mit einem Satz von Thomas Mann( DoktorFaustus, Kap. XXIV) angezeigt wird, entspricht das nicht nur der Diktionihres Autors, der ja gern literarische Zeugenschaft zu Wort kommen lässt( und beim Wort nimmt)- der zitierte Passus scheint mir auch recht gut seineSichtweise auf die Thematik wiederzugeben: Scharfe versteht Religion ,, alsTeil und Sonderform der vom Menschen geschaffenen Kultur“( S. IX), als,, Menschenwerk" eben( um mit dem Titel seines Opus magnum zu spre-chen), als Komplex ,, gestanzter Handlungen"( wie er das andernorts einmalgenannt hat), die sich in ,, überlieferten Schablonen" sedimentieren undschließlich auch materialisieren, als ,, objektives Gebilde“( S. 77, nach Vier-kandt) also und Objektivation religiöser Befindlichkeit.
Dieser Objektivation geht Scharfe in ihren disparatesten Konkretionennach, wobei die Vergegenständlichungen im eigentlichen Sinn- einschlägi-ge Objekte etwa aus dem klassischen Devotionalienwesen wie Wallfahrtsan-denken und Votivgaben oder heilige Orte und deren Situierung bzw. ,, dra-matische“ Vorgabefunktion( beispielsweise die ,, sakrale Feingeographie desKirchenraums" mit dessen hierarchischer Platz- und Stuhlordnung, S. 99) –eher am Rande stehen und gewissermaßen als Requisiten all der ,, Figuren,Gebärden und Szenen des Glaubens"( S. 82) fungieren, in denen sich dieGeschichte der religiös geprägten ,, Volkskultur" spiegelt. Diese Geschichteder ,, gewöhnliche[ n] Religion in ihrer empirisch wahrnehmbaren Alltags-gestalt, wie sie von der Kulturwissenschaft Volkskunde seit langem beob-achtet wird"( S. X), breitet Scharfe in einem Panorama vor dem Leser aus.Der gesamte( freilich und notabene sehr gegen den Strich gebürstete) Kanoneiner weiland ,, religiösen Volkskunde“ wird angesprochen- wenn auchgewöhnlich unter anderem Namen und damit Zugang: von den ,, Grundtypender Religiosität" in ,, legalem“ und„, separatistischem“ Christentum, wie sie