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Literatur der Volkskunde
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ÖZV LXI/ 110
religiöser Vorstellungen in die individuell geprägten und„, privatisierten“Weltansichten einer„, unsichtbaren Religion“ und religioid aufgeladener,, kleiner Transzendenzen"( Thomas Luckmann) – zu berücksichtigen. Undvielleicht würde gerade der Versuch, all diese verschiedenen Formen ,, reli-giöser Praxis" zu beschreiben und sie dabei( was nahe liegt) als Variationeneiner immer stärker ,, an Selbstvollendung und Selbstdarstellung orientier-te[ n] Subjektivität“( Soeffner) zu sehen, auf die Durkheimsche Vorstellungvon Religion als dem ,, metaphysischen Spiegelbild der Gesellschaft"( Knoblauch) oder auf das Diktum Max Webers, dass jedes religiöse Denken,, diesseitig“ orientiert ist, führen- und damit zuletzt wieder in die Nähe desvon Martin Scharfe eingeschlagenen Weges, Religion zwar nicht als Lö-sung, aber doch als„, Formulierung“ der„, Probleme, die sind“( S. 252), zubegreifen.
Herbert Nikitsch
BEHNKEN, Imbke: Urbane Spiel- und Straßenwelten. Zeitzeugen undDokumente über Kindheit am Anfang des 20. Jahrhunderts(= Reihe Kind-heiten, Bd. 29). Weinheim und München, Juventa, 2006, 264 Seiten.
Das neu erschienene Buch der Siegener Erziehungswissenschaftlerin ImbkeBehnken basiert auf der in den 1980- er Jahren an den Universitäten Marburgund Leiden/ NL durchgeführten historisch- interkulturellen Studie ,, Stadtund Quartier als Lebensraum von Kindern“. Materialien und Ergebnissedieser Studie wurden von der Projektgruppe bereits in mehreren Publikatio-nen vorgestellt( vgl. v.a. Imbke Behnken/ Manuela du Bois- Reymond/ JürgenZinnecker, Stadtgeschichte als Kindheitsgeschichte. Lebensräume vonGroßstadtkindern in Deutschland und Holland um 1900, Opladen 1989); dervorliegende Band beleuchtet darauf aufbauend- ,, die historische Ent-wicklung von Kinderspiel und Spielgruppen, wie sie sich auf der räumlichenMikroebene von zwei Altstadtquartieren in der Stadt Wiesbaden über einenZeitraum von rund 40 Jahren( 1890 bis 1930) darstellt“( S. 11f.).
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Methodisch versteht sich die Studie als historische Feldforschung auf derBasis von oral history; das Material stammt in erster Linie aus einer Serielebensgeschichtlicher Interviews mit rund 100 Zeitzeugen der Geburtsjahre1886 bis 1920. Ergänzend dazu wird die Geschichte zweier ausgewählterWiesbadener Stadtviertel von kleinbürgerlich- proletarischem Zuschnitt re-konstruiert. Das Buch zeichnet somit Stadtgeschichte als Kindheitsge-schichte nach und wirft aus der Perspektive der kindlichen Akteure einerhellendes Licht auf die Rolle des urbanen Raumes als ,, primärem öffent-