Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LXI/ 110, Wien 2007, 125–130
Man weiß nicht, was man alles sagt,und auch deshalb ist die Psychoanalyse vonkulturwissenschaftlicher Bedeutung
Mario Erdheim
Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß man mehr sagt, als manbeabsichtigt. Journalisten benützen diesen Umstand, um mittels In-terviews auf Informationen zu stoßen, die auf Verheimlichtes ver-weisen; Psychoanalytiker setzen hier an, um Einblick in die unbe-wußten Abwehrstrategien ihrer Analysanden zu bekommen. Die kul-turwissenschaftliche Forschung kann diese beiden Strategien mitein-ander verknüpfen, um auf neue, das Verhältnis Individuum- Kulturbetreffende Hypothesen zu stoßen.
Wer sich der Psychoanalyse zuwendet, ist vor allem daran interes-siert, wie das Individuum etwas erlebt. Was wir erfahren, wird nurbewußt, indem es entsprechend zugerichtet wird, das Erfahrene wirdalso zuerst einmal von den verschiedenen Abwehrmechanismen be-arbeitet, und im Falle, daß es anderen mitgeteilt werden soll, weiteren,sekundären Bearbeitungen unterworfen. Die klinische Psychoanalysehat während ihrer nun hundertjährigen Praxis einen tiefen Einblick indas Funktionieren dieser Abwehrmechanismen erarbeitet. Dabei kon-zentrierte sie sich vor allem auf die Individualgeschichte. Sie inter-essierte sich nicht besonders stark für jene Abwehrmechanismen, dieman mit Georges Devereux ,, kulturell“ nennen kann. Die klinischePsychoanalyse kümmerte sich auch nicht um das Individuum als Teilder Gesellschaft oder einer Gruppe, und wo sie das tat, ging es ihr vorallem um die familiäre Umwelt. Daß das Individuum aber durch dieZugehörigkeit zu Gruppen und Gesellschaftsklassen wesentlich ge-prägt wird, ist mit Ausnahme von gesellschaftskritischen Analyti-kern, wie zum Beispiel Siegfried Bernfeld, Wilhelm Reich, Alexanderund Margarete Mitscherlich oder Paul und Goldy Parin wenig beach-tet worden. Aber ihre Forschungen und theoretischen Ansätze wiesenden Weg, die Bedeutung der Erfahrungen zu untersuchen, die das