Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kultur als Oberfläche : zur methodischen Not und Notwendigkeit, in die Tiefe zu gelangen
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 149–156

Kultur als Oberfläche

Zur methodischen Not und Notwendigkeit,in die Tiefe zu gelangen

Martin Scharfe

1. Einleitung: Der zugefrorene See

Goethe, der 78jährige, sagt einmal dem Eckermann ins Notizbuch, esgehe den Menschen gar nicht um Tiefe, um Erkenntnis, um Wahrheit;und es gehe, viel schlimmer noch, auch der Wissenschaft nicht umTiefe, um Erkenntnis, um Wahrheit: ein wissenschaftlicher Glaube( wir sagen heute: ein Paradigma) könne auch durch Fakten, wenn sieungemütlich seien, nur schwer ins Wanken gebracht werden; dasBedürfnis sei vielmehr ,, empirisch mitzuschwatzen, das heißt: wie-derzukäuen. Goethes Bild ist das des zugefrorenen Sees, dessenOberfläche die Massen anzieht, während niemanden interessiert, wasdarunter ist:

Und dann, um von den Schülern zu reden, welchem von ihnen wärees denn um die Wahrheit zu tun? Das sind auch Leute, wie andere undvöllig zufrieden, wenn sie über die Sache empirisch mitschwatzen kön-nen. Das ist alles. Die Menschen sind überhaupt eigener Natur: sobaldein See zugefroren ist, sind sie gleich zu Hunderten darauf und amüsierensich auf der glatten Oberfläche; aber wem fällt es ein zu untersuchen, wietief er ist und welche Arten von Fischen unter dem Eise hin und herschwimmen.[...] Denken Sie nur immer an den gefrorenen See; so sinddie Leute, ich habe sie kennengelernt, so sind sie und nicht anders. 1

1 Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seinesLebens. Hg. von Otto Schönberger. Stuttgart 1994, S. 244f.( 1.2.1827).