Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LXI/ 110, Wien 2007, 157–173
Freud im 21. Jahrhundert
Eli Zaretsky
Mein Titel wirft eine Frage auf: Sind Freuds Gedanken im Wesentli-chen nur noch von historischem Interesse oder sind sie für unserheutiges Leben immer noch von Relevanz? Ist Freud in irgendeinerHinsicht unser Zeitgenosse, und wenn er es nicht ist, kann und sollteer es wieder werden? Um diese Fragen zu untersuchen, möchte ichvorab darauf eingehen, warum Freud einst eine so außergewöhnlichePersönlichkeit war, und warum sich dies geändert hat.
Um zu verstehen, warum die Psychoanalyse einst derartig faszinie-rend war, kann es nützlich sein, sie als eine„, nicht ganz einfache"Synthese aus drei verschiedenen Projekten anzusehen: zum ersten alsTherapie oder medizinische Tätigkeit, zum zweiten als eine Kul-turtheorie, und zu guter Letzt als ethische Strömung im Alltag. Jedesdieser drei Projekte war auf denselben Ursprung zurückzuführen: dieglobale Entwurzelung( global uprooting), die durch Massenkonsum,Kapitalismus und durch das Entstehen solch neuer Medien wie Wer-bung und Film ausgelöst wurde. Nichtsdestoweniger folgte jedesdieser Projekte einem eigenen, gesonderten Ablauf. Dementspre-chend werde ich diese nun der Reihe nach erläutern.
Während die Geschichte eine Vielzahl an Behandlungen für seeli-sche Erkrankungen aufgezeigt hat, unterschied sich die Psychoanaly-se von diesen, nämlich dadurch, dass sie auf einer innovativen,psychologischen Theorie basierte, die das menschliche Wesen alseinen Schauplatz, eine Arena von internalisierten Konflikten betrach-tete. Individuen- laut Freuds Auffassung- kamen nicht zur Therapie,um einfach nur ihre Probleme zu lösen. Vielmehr wollten sie auchinfantile Wünsche befriedigen, Wünsche, die sie gleichzeitig zu un-terdrücken versuchten. Gemäß Freudscher Theorie wurde das Be-dürfnis, diese Wünsche zu befriedigen, einhergehend mit dem Ver-langen, sie zu unterdrücken, in die Form eines Kampfes mit dem Arztoder dem Analytiker verschoben. Nur wenn dieser Kampf abklang,und der Patient ein gewisses Maß an Niederlage akzeptierte, konnte