Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 175-207
Sozialkritische und subjekttheoretische Überlegungenzum System der Zweigeschlechtlichkeit und seinergesellschaftlichen Organisation
1. Problemaufriss
Regina Becker- Schmidt
Eine Diskussion über die Fallstricke, in die man beim Versuch geratenkann, das vielschichtige Rätsel„ Zweigeschlechtlichkeit“ zu entzif-fern, lässt sich wohl kaum führen, ohne dabei auf Judith Butler'einzugehen. Ihre Leitidee, dass Körper und Geschlecht nichts biolo-gisch Vorgegebenes sind, sondern Resultate soziokultureller Praxen,wurde zwar schon vor dem Erscheinen ihres Buches ,, Gender Trou-ble"( 1989) von US- amerikanischen Feministinnen und Forschernvertreten.² Im deutschsprachigen Raum entfachte jedoch erst die 1991unter dem Titel„ Das Unbehagen der Geschlechter" erschieneneÜbersetzung lebhafte und kontroverse Debatten über diese These.Nicht zuletzt war es Butlers queer- theoretische Position, in der siesich gegen eine Hegemonie der Heterosexualität verwahrt und Chan-
1 Butler, Judith: Gender Trouble. New York/ London 1990; dies.: Das Unbehagender Geschlechter. Frankfurt am Main 1991; dies.: Psyche der Macht. Das Subjektder Unterwerfung. Gender Studies. Frankfurt am Main 2001; dies.: Körper vonGewicht. Die diskursiven Grenzen von Geschlecht. Frankfurt am Main 1995;dies. Haẞ spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin 1998.
2 Genannt seien vor allem Gayle Rubin( The Traffic in Women. Notes on the, Political Economy' of Sex. In: Reiter, Rayna R.( Hg.): Towards an Anthropologyof Women. New York 1975), S. 167-210), die in ihrem Ansatz Psychoanalyseund Marxismus verbindet, sowie Carol Hagemann- White( Sozialisation: Weib-lich- männlich? Opladen 1984), Candace West und Don Zimmerman( DoingGender. In: Gender& Society 1( 1)( 1987), S. 125-151), die das Phänomen,, Zweigeschlechtlichkeit“ aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive inden Blick nehmen. Anknüpfen ließ sich dabei an ethnomethodologische Studienvon Harold Garfinkel( Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs 1967)und interaktionistische Konzepte von Erving Goffman: Frame Analysis: AnEssay on the Organization of Experience, London 1974.