Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LXI/ 110, Wien 2007, 209-220
Gefühlserbschaften und ,, kulturelles Gedächtnis❝
Angela Moré
In seinen zahlreichen Schriften erwähnt Freud nur einmal das Phäno-men der ,, Gefühlserbschaft“. Im Gesamtregister der GesammeltenWerke ist dieser Terminus nicht zu finden. Freud thematisiert es indem letzten der vier Aufsätze, die er 1913 unter dem Titel„, Totemund Tabu" veröffentlichte und der mit ,, Die infantile Wiederkehr desTotemismus“ überschrieben ist. Die Verehrung und rituelle Ver-speisung ist für Freud Ausdruck einer unbewussten Gefühlsambiva-lenz gegenüber den Vorfahren, insbesondere gegenüber dem totenbzw. von der Urhorde der Söhne getöteten und verspeisten Vater. AlsReaktion auf die dabei einstmals entstandenen Schuldgefühle wirdder Vater im Totem erhöht und in der Totemmahlzeit symbolischwieder einverleibt/ introjiziert, aber zugleich auch erneut vernichtet.In der symbolischen Wiederholung der schuldhaften Tat und ihrerSühnung begründet sich nach Freud kollektive Erinnerung und einemit dieser erst ermöglichte und verknüpfte( Erinnerungs-) Kultur, inder aber das zu Erinnernde ebenso wie der manifeste Trauminhaltbereits eine Verschlüsselung und Entstellung erfahren hat, die dasrituell Erinnerte vom Bewusstsein fernhält.
In der Individualgeschichte des Kindes lebt nicht nur der Totemis-mus wieder auf, sondern auch der Urvatermord selbst, wiederholt injedem ödipalen Konflikt des männlichen Kindes. Beide Seiten derAmbivalenz, der ödipale Rivalitätsanspruch wie die Introjektion derväterlichen Normen im Überich, sind nach Freud Erbschaften ausgrauen Vorzeiten menschlicher Urgeschichte, phylogenetisches Erbe,das von einer Generation zur nächsten weitergegeben werde. Bedin-gung für die Möglichkeit von Geschichte ist nach Freud der Triebver-zicht, erst er ermöglicht die Entstehung menschlicher Kultur. Ge-fühlserbschaft und Tradierung werden somit zu Synonymen, sie sind