Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 291–307
In Geschichten verstrickt
Psychoanalyse als Forschungsparadigma
Mario Erdheim
1. Einführung
In seinem Buch ,, Kosmopolis. Die unerkannten Aufgaben der Mo-derne" kritisiert Stephen Toulmin die Entwicklung der Wissenschaf-ten, die sich am cartesianischen Denkmodell entwickelten. Ich willhier aber nicht die Kritik zusammenfassen, sondern Toulmins Gege-nentwurf kurz skizzieren, der sich die Arbeit von Montaigne zumVorbild nimmt, um Tendenzen einer Wissenschaft zu bezeichnen, diefür die Humanisierung der Moderne relevant wären. Bei der Lektürevon Toulmins Buch gewann ich den Eindruck, dass die Psychoanalysein besonderem Masse den Kriterien entsprechen könnte, die er ein-forderte, und wunderte mich, dass er, der ein guter Kenner derPsychoanalyse ist, sie mit keinem Wort erwähnte. Ich vermute, dassdies mit der Scheu vieler Wissenschaftstheoretiker zu tun hat, diePsychoanalyse als eine Kulturwissenschaft zu betrachten. Für sie istsie in erster Linie eine Therapie und erst in zweiter Linie eineWissenschaft, die Theoretisches zum Verständnis der Kultur beitra-gen kann. Die kulturwissenschaftliche Relevanz der Psychoanalyse,und zwar im Hinblick auf die unmittelbare Erforschung der Kultur,ist nur von einer Minderheit von Forschern, beispielhaft von GeorgesDevereux und Paul Parin, vertreten worden.
Aber zurück zu Toulmin. Er konstatiert in der gegenwärtigenWissenschaftsentwicklung eine Tendenz, dem Mündlichen in derWissenschaft einen größeren Raum zuzuweisen als dem Schriftli-chen, um damit auch dem Bereich der Kommunikation einen größe-ren Raum zuzuordnen. In der Psychoanalyse spielt das Mündliche
1 Toulmin, Stephen: Kosmopolis. Die unerkannten Aufgaben der Moderne. Frank-furt am Main 1991.