Aufsatz in einer Zeitschrift 
Subjekt, Kultur und Politik : Schicksale der Psychoanalyse
Seite
309
Einzelbild herunterladen
 

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 309–314

Subjekt, Kultur und Politik

Schicksale der Psychoanalyse

Helmut Dahmer

-

Ein Blick auf das Programm dieses Symposions, das den Beziehun-gen von Psychoanalyse und Ethnologie gewidmet ist und auf vieleähnliche Veranstaltungen zum Ausklang des Freud- Jahrs 2006zeigt, daß das neue Interesse an Freuds Theorie und Therapie, das sichim Gefolge der achtundsechziger Protestbewegung herausgebildethat, unvermindert anhält. Psychoanalytische Theoreme und Verfah-rensweisen werden für die unterschiedlichsten Projekte in Anspruchgenommen, und mitunter scheint es so, als sei es gar nicht mehr dereine Theoretiker Sigmund Freud, auf den man sich da bezieht, son-dern als sei der längst in ganz verschiedene Freuds( ,, Genies" und,, Scharlatane, Kabbalisten und Orphiker, Naturwissenschaftler undDichter) aufgespalten worden, die miteinander wenig zu tun haben.Der Pluralismus kontroverser Deutungen bezeugt die Faszination, dieauch nach hundert Jahren noch von der rätselhaften FreudschenPsychoanalyse ausgeht, und die verschiedenartigen Freud- Bilder in-dizieren, daß die von ihm begründete Bewegung ebenso wie derZusammenhang seiner Lehren zerbrochen ist. Die Freudsche Behand-lungs- ,, Technik und seine Kulturkritik stehen seit langem nurnoch neben- und gegeneinander.

Theorien, die den Common sense ihrer Zeit weit hinter sich lassen,werden zuerst verfemt und dann trivialisiert. Beides ist der Freud-schen Psychoanalyse in den vergangenen hundert Jahren widerfah-ren. Ihre Rezeption ist über weite Strecken eine Fehl- Rezeptiongewesen, und die Verkennung konnte an ein ,, Selbstmiẞverständnis"Freuds( Hans Kunz) anknüpfen. Seine Beschäftigung mit ,, obskuren"Phänomenen( Obsession und Hysterie, Traum und Fehlleistung) führ-te ihn von der Objekt- zur Subjektwissenschaft, von der Szientistikzur Deutung bewußtlos zustande gekommener Produktionen, die als,, natürliche" Phänomene imponieren, ohne es zu sein. Freud suchtenach einer Therapie jener psychischen Störungen, für die im physi-