Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LXI/ 110, Wien 2007, 315–329
Psychoanalyse ist keine philologischeInterpretationsmethode sondern Kunstarbeit
Klaus Theweleit
Ja, Statement ist gut. Ich bin ganz froh, dass ich nichts fertig Ausfor-muliertes vor mir habe. Erstens hätte sich manches überschnitten undaußerdem ist es mir ganz recht, dass ich als letzter sprechen darf,einiges aus den Beiträgen aufzunehmen, um mit dem Statement auchgleich die Diskussion zu eröffnen und einiges gleich weiterzuführen.Um anzufangen bei dem letzten Punkt: Soziologen und Historiker,hat Helmut Dahmer gesagt, ¹ haben sich um die Wiederbelebungbestimmter Aspekte der Psychoanalyse nach dem Zweiten Weltkriegbemüht. Bei Historikern stutze ich ein bisschen, da sehe ich kaumjemanden; bei den Soziologen einige und noch viel mehr Literatur-wissenschaftler. Aber in einem noch größeren Maß muss man sagen:Studenten. Freud wird wiederbelebt und revitalisiert durch die stu-dentischen Aktionen der späten 60- er Jahre, und dies in einem vielgrößeren Ausmaß, als die meisten Beteiligten dieser Aktionen sichdas selber klar gemacht haben. Welche Bedeutung hätte z.B. HerbertMarcuse erlangt ohne die Diskussion seiner Bücher in allen studen-tischen Zeitschriften und Wohngemeinschaften? Vermutlich keine.Die offizielle Psychoanalyse mochte ihn nicht. Die Studenten aberbrauchten die Psychoanalyse. Sie brauchten sie zur Bearbeitung derFrage, wie konnte unsere Elterngeneration in der Weise faschistischwerden, wie sie es geworden war und, wie man nach und nachmitbekam, es mit quasi- orgiastischer Lust und Wonne geworden war.Die Vertreibung und Ermordung der Juden war ja nicht, wie oftdargestellt, dieser kalte, bürokratische Akt à la Eichmann, das istziemlicher Unsinn, Hannah Arendts Unsinn; Eichmann war ein glü-hender Nazi, nicht weniger als Goebbels; nein, der Mord an den Judenwar ein alldeutsches Revitalisierungsmittel für das so genannte deut-sche Volk, das sich in vieler Hinsicht gegenüber den Juden minder-
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1 Siehe den Beitrag von Helmut Dahmer in diesem Band, S. 309–314.