Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 359–380
Literatur der Volkskunde
WELZER, Harald, Hans J. MARKOWITSCH( Hg.): Warum Menschensich erinnern können. Fortschritte in der interdisziplinären Gedächtnisfor-schung. Stuttgart, Klett- Cotta, 2006, 348 Seiten.
Die Themen Gedächtnis und Erinnerung erfreuen sich seit einem Viertel-jahrhundert einer anhaltenden Konjunktur, über die Grenzen von natur- undkulturwissenschaftlichen Disziplinen hinweg bis in die Alltagsdiskurse hin-ein. Auch die beiden Herausgeber des vorliegenden Bandes beschäftigensich seit längerer Zeit mit den Mechanismen von Gedächtnis und Erinne-rung. Harald Welzer, Soziologe, Sozialpsychologe und Leiter der For-schungsgruppe ,, Erinnerung und Gedächtnis“ am KulturwissenschaftlichenInstitut Essen und Professor an der Universität Witten- Herdecke, hat sichmit dem Fortwirken der nationalsozialistischen Vergangenheit aus sozial-psychologischer Sicht beschäftigt( Opa war kein Nazi, 2002) und Gedächt-nissysteme erforscht und beschrieben( Das soziale Gedächtnis, 2001, Daskommunikative Gedächtnis, 2002).
Der Biopsychologe Hans Joachim Markowitsch hat den Lehrstuhl fürPhysiologische Psychologie an der Universität Bielefeld inne und ist Direk-tor am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld. Zu seinenForschungsgebieten zählen Gedächtnis und Gedächtnisstörungen sowie dieWechselwirkungen zwischen Gedächtnis, Emotion und Bewusstsein. Diebeiden Wissenschaftler haben gemeinsam bereits einen Sammelband her-ausgegeben( Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundla-gen und biosoziale Entwicklung 2005). Das vorliegende Werk kann alsWeiterführung der dort entwickelten Thematik gesehen werden. Auch hiersteht das autobiographische Gedächtnis im Mittelpunkt der Beiträge vonNeuro- und Kulturwissenschaftlern, Sozial- und Entwicklungspsychologen,Philosophen und Soziologen.
In der Einleitung betonen die Herausgeber, dass Gedächtnisforschung nurin interdisziplinärer Zusammenarbeit erschlossen werden kann ,,, weil dasautobiographische Gedächtnis eine biologische Basis hat, die Menschen aufvielerlei Ebenen mit anderen Lebewesen teilen, zugleich aber die Inhaltedes humanspezifischen Gedächtnisses sozial gebildet sind. Das autobiogra-phische Gedächtnis stellt mithin eine biosoziale Funktionseinheit dar.“( S.8)Das Gedächtnis bildet eine Konvergenzzone zwischen den einzelnen Diszi-