2007, Heft 2-3
Literatur der Volkskunde
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Und es geht, so Warneken ,,, um den unterstützenden oder korrigierendenEingriff in die Unterschichtenkultur selbst“( S. 343). ,, Doch ebenso wichtigwie die Kritik einer angemaßten Herrscher-, Richter und Erzieherrolle istdas Insistieren darauf, dass die Idee einer kritisch- eingreifenden Unter-schichtenethnographie mit diesen autoritären und ethnozentrischen Inter-ventionsformen noch nicht erledigt ist. Dies schon deshalb, weil populareKulturen nicht nur einen faszinierenden Beitrag zur kulturellen Vielfaltdarstellen, sondern... auch Ausdrucksformen einer sozialen Ungleichheitsind, die mit zumindest relativem Freiheits- und Gütermangel, d.h. beschnit-tenen Entfaltungsmöglichkeiten einhergeht. Der Respekt vor popularenBedürfnissen, Fähigkeiten und Leistungen muss also stets mit der Kritikäußerer und innerer Einschränkungen popularer Kulturäußerungen austa-riert werden."( S. 344)
Verstehensprogramm und Interventionsprogramm will Warneken ,, alskooperative Kulturveränderung" anlegen: Das ist ein Sozialarbeiterpro-gramm; ein Kulturpolitik- Programm schafft anregungsreiche lebendige Mi-lieus. Voraussetzung dafür ist eine Analyse von Kulturprozessen in derGesellschaft insgesamt- wer soll die leisten wenn nicht eine Kulturwissen-schaft wie die Europäische Ethnologie? Und das ist der Schritt über dieeinstige Interpretation der Frage ,, Wem nützt Volkskunde" hinaus: Ausgrößerer Distanz werden gesellschaftliche Prozesse, an denen auch dieWissenschaftler teilhaben, auf ihre kulturellen Grundlagen befragt.„ Zu-kunft ist ein kulturelles Programm", sagt Hilmar Hoffmann, und es beziehtsich auf die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften und( letztlich in gemein-samer globaler Verantwortung stehender) Gemeinschaften( die kulturellenProgramme der ,, Völkergemeinschaft", wie sie in der UNESCO formuliertwerden, gehören deshalb auch zu den Themen der Ethnologien).
Dieter Kramer
SCHNEIDER, Arnd und Christopher WRIGHT( Hg.): ContemporaryArt and Anthropology. Oxford: Berg, 2006, 223 Seiten.
Die Beziehung zwischen Kunst und Anthropologie ist traditionsreich, wech-selhaft und spannungsvoll. Immer wieder verschieben dichtende Wissen-schafterInnen, forschende KünstlerInnen oder experimentelle Kollaboratio-nen zwischen den Feldern die disziplinären Grenzen. Die ,, Writing CultureCritique" der 1980- er Jahre markiert im Bereich der Anthropologie einesolche Phase der produktiven Selbstreflexion über die eigene soziale Praxis.