2007, Heft 2-3
Literatur der Volkskunde
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interkultureller Geschichte und zeitgenössischer Kunstpraxis. JonathanFriedman streicht in seinem Text über den Künstler ,, Carlos Capelán: OurModernity not Theirs" die Notwendigkeit kultureller Differenz gerade inZeiten zunehmender Globalisierung hervor. Abschließend problematisiertNicholas Thomas in ,, The case of Tattooing" den westlichen Alteritätsdis-kurs und stellt die Dichotomie zwischen ,, uns" und ,, den Anderen" grund-legend in Frage. Am Beispiel vor allem samoanischer Tätowierungskunstbeschreibt er Strategien der Selbstrepräsentation ,, not as mute exoticism,but as an activity that dealt knowingly with cultural difference.“( S. 189)Dabei fordert er nachdrücklich, die herkömmlichen anthropologischen Ab-grenzungsbegriffe des ,, Selbst“ und des ,, Anderen" stets in Relation, Inter-aktion und Austausch zueinander zu denken.
Arnd Schneider und Christopher Wright haben mit„, ContemporaryArt and Anthropology“ einen vielstimmigen Sammelband zu Fragen desBlickens, Zeigens und visuellen Repräsentierens im Zeitalter des Bildesvorgelegt. Über die Felder der Kunst und Anthropologie hinaus wird vordem Hintergrund selbstreflexiver, postkolonialer und globalisierungskriti-scher Diskurse das abbildende Verhältnis zwischen ,, uns" und ,, den Ande-ren" produktiv diskutiert. Dem erklärten Ziel der Herausgeber, die Grenzenzwischen Kunst und Anthropologie herauszufordern, entsprechen die ein-zelnen Beiträge jedoch nur bedingt. Bis auf die ,, Dialogues" und vor allemdie kollaborative Autorenschaft zwischen Conzadilla und Marcus bleibt,, the challenge of Practice" weitgehend Theorie. Dennoch werden an vielenStellen aktuelle Probleme einer reflexiven Anthropologie des Visuellenthematisiert vor allem dort, wo nicht ein stimulierender Dialog zwischenKünstlerInnen und AnthropologInnen auf methodischer und ästhetischerEbene begehrt wird, sondern wo klärende Worte über politische, ökonomi-sche und soziale Zusammenhänge fallen: etwa über das Verhältnis zwischenwestlich- modernem Kunstsystem und kapitalistischer Verwertungslogik,über globale Machtstrukturen und lokale Produktionsbedingungen, überdisziplinäre Spielregeln und wachsame Grenzhüter zwischen Identität undAlterität, Kunst und Wissenschaft.
Judith Laister
GRIESHOFER, Franz: Der Weg als Ziel. Ausgewählte Schriften zurVolkskunde( 1975-2005). Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag.Hg. für den Verein für Volkskunde von Margot Schindler, Wien: Verein fürVolkskunde 2006( Sonderschriften des Vereins für Volkskunde in WienBd.5), 463 Seiten.