Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 401-414
Frauen auf dem Sockel
Nachgetragene Anmerkungen zur Czernowitzer Austriaund ihren Schwestern
Christine Burckhardt- Seebass
Der Aufsatz setzt sich mit den verschiedenen Bedeutungen derweiblichen National- Allegorien auseinander. Er vergleicht siemit den männlichen politischen Denkmälern, weist auf Ver-änderungen hin und diskutiert die Gründe für das Ver-schwinden.
Als 1989 der eiserne Vorhang zu zerschmelzen begann, kamen diehinter ihm stehenden politischen Denkmäler ins Gerede. An ihnenwurde, wie zu lesen und zu sehen war, in verschiedener Weisesymbolische Vergangenheitsbewältigung betrieben: Manche zerstör-te das ,, Volk" in spektakulären Aktionen, andere entsorgte man wohldiskret in einem Winkel des Werkhof- Areals, einige ließ man bewusststehen als Zeugnis durchlebter Geschichte. Als dagegen 14 Jahrespäter in Czernowitz die bei einem ähnlichen geschichtlichen Reini-gungsprozess verschwundene ,, Austria“ von 1875 wieder entdecktwurde, war das ohne politische Brisanz, und es lebte wohl auchniemand mehr, der von seinen Erinnerungen eingeholt wurde. DieStatue hatte Kopf, Glieder und Attribute eingebüßt, was sie antiki-scher aussehen lässt als zu ihren ,, Lebzeiten" auf dem Sockel und ihreventuelles politisches Potenzial zusätzlich neutralisiert. Wer aber hatüberhaupt noch solche Bilder im Kopf und nimmt derlei veralteteDenkmalsachen wahr? In Czernowitz wurde eine offizielle Kommis-sion eingesetzt. Und Kunstschaffende aus den Ländern der ehemali-gen Monarchie, die, mit einer Ausnahme, unterdessen einer neuenUnion angehören, wurden zur Auseinandersetzung aufgerufen. Viel-leicht zunächst aus ästhetischen Gründen: ein Fragment fordert her-aus, offenbar aber vor allem, um sich mit der Tatsache der verlorenen