Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 415-428
Mythos Czernowitz
Andrei Corbea- Hoisie
Georg Simmel hat einmal, als gerade die Auseinandersetzung zwi-schen denen, die die räumlich- physischen Gegebenheiten- als ,, ma-terielle Substrate“- für entscheidend hinsichtlich der Gestaltungmenschlicher Existenzformen hielten, und den Verfechtern der völli-gen Trennung zwischen der Sozialwelt und der Natur ausgebrochenwar, den Prozess beschrieben, wodurch der umgebende Raum von derPsyche des Einzelnen zu einem verinnerlichten Darstellungsmusterder eigenen Vergesellschaftung geformt werde. Während die Naturals Kontinuum eigentlich mit jeglichen„, Grenzen“ unvereinbar sei,würden die konventionellen Grenzen um so mehr als Produkte psy-chisch- sozialer Aktivitäten erscheinen, als der Raum ,,, den eine ge-sellschaftliche Gruppe in irgend einem Sinne erfüllt, als eine Einheit"aufgefasst werden sollte ,,, die die Einheit jener Gruppe ebenso aus-drückt und trägt, wie sie von ihr getragen wird". Die symbolischeKraft dieser Vorstellung nehme laut Simmel in dem Maße zu, je feinerdie ,, Geistesverfassung“ des Individuums entwickelt sei: sogar die,, seelische Kohärenz von Persönlichkeit“ würde dann ,, zu einem wiesinnlich empfundenen Bilde einer fest umschließenden Grenzlinie"heranwachsen.
Hieran könnte eigentlich die Diskussion um die jahrzehntelang vorund nach dem Zweiten Weltkrieg meist schwärmerisch behauptete,, Czernowitzer“ Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit als einkollektiv oder individuell identitätsstiftendes ,, Wesen" anschließen.Auch ungeachtet dessen, dass die Identitäten sozusagen als mehrwer-tig zu begreifen sind, d.h. dass das menschliche Bewusstsein tatsäch-lich auf eine Vielfalt von Identifikatoren Bezug nimmt, müsste manvon vornherein die Einbildungspotentiale in Betracht ziehen, die
1 Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Ver-gesellschaftung. Hg. von Otthein Rammstedt, Frankfurt am Main, Suhrkamp1992, S. 694.