460
Chronik der Volkskunde
ÖZV LXI/ 110
Lutz Röhrich*
Bereits am 3. Januar 2007 haben wir, zuerst auf dem Friedhof in Freiburg-Günterstal, anschließend in der Matthias- Claudius- Kapelle, Abschied ge-nommen von dem am 29. Dezember 2006 in seinem 85. Lebensjahr ver-storbenen ehemaligen Ordinarius für Volkskunde an der Freiburger Albert-Ludwigs- Universität und langjährigem Direktor des Deutschen Volksliedar-chivs, Prof. em. Dr. phil. Lutz Röhrich.
Lutz Röhrich wurde am 9. Oktober 1922 in Tübingen geboren, wo er auchaufwuchs und die Schulen bis zum Abitur im Jahr 1941 besuchte. Aus demKriegsdienst, in den er nach dem Schulabschluss sogleich einberufen wor-den war, kehrte er als einziger von drei Söhnen schwer verwundet 1944zurück. Von 1945 bis 1950 studierte er an der Tübinger Universität dieFächer Germanistik, Geschichte, Latein und Musikwissenschaft. Nach sei-ner Promotion zum Doktor der Philosophie mit einer Dissertation über ,, Diedämonischen Gestalten der schwäbischen Volksüberlieferung“ bot ihm derbekannte Germanist und Volkskundler, Kurt Wagner, eine Assistentenstellean der Universität Mainz an. Nach nur vier Jahren konnte er dort seinbahnbrechendes Werk ,, Märchen und Wirklichkeit" fertig stellen, das vonder Fakultät als Habilitationsschrift angenommen wurde und 1956 als Bucherschien. Die Bedeutung dieser Arbeit für die Wissenschaft, wie darüberhinaus für einen großen Kreis interessierter Menschen, wird u.a. darindeutlich, dass von ,, Märchen und Wirklichkeit“ fünf Auflagen und eineÜbersetzung ins Englische erschienen sind. 1967 auf ein Ordinariat nachFreiburg berufen, baute er dort, zuerst im Rahmen des Deutschen Seminars,später im neu gegründeten Volkskundlichen Institut das Fach Volkskundeaus. 1969 wurde ihm auch die Direktion des Deutschen Volksliedarchivsübertragen. Lutz Röhrich prägte die Volkskunde an der Albert- Ludwigs-Universität ein gutes Vierteljahrhundert. Erzähl- und Liedforschung nahmenzwar eine herausragende Stellung in seinem Lehrangebot ein, er zeigtedarüber hinaus aber viele Interessen und war stets bestrebt, das Fach inseiner ganzen Breite zu lehren. Auch lange nach seiner 1990 erfolgtenEmeritierung blieb er dem Institut eng verbunden. Immer wieder kam er derBitte nach, noch ein weiteres Mal eine Lehrveranstaltung zur Erzählfor-schung anzubieten. Sein gut besuchtes letztes Seminar zu ,, Märchen undMärchenforschung" hielt er im Wintersemester 2000/2001. Bis zuletzt warer regelmäßig im Institut, in der Bibliothek und in seinem Arbeitszimmeranzutreffen. Er zeigte sich ehrlich interessiert an den wissenschaftlichenVorhaben seiner Nachfolger und jüngeren Kolleginnen und Kollegen.
Lutz Röhrich hinterlässt ein bemerkenswert umfangreiches Lebenswerk.Er verfasste eine große Zahl wichtiger Bücher, von denen viele mehrere