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Chronik der Volkskunde
ÖZV LXI/ 110
In memoriam Leopold Kretzenbacher( Leibnitz 13.11.1912 – Graz 21.6.2007)
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In der Sonnwendnacht, am 21. Juni 2007, ist im hohen Alter von 94 Jahrender weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannte Gelehrte, Volks-kundeforscher einer ,, Ethnologia Europaea“ von dieser Welt abberufenworden. Wer ihm, wie die Verfasserin dieser Zeilen, jahrzehntelang freund-schaftlich verbunden blieb, in seiner Grazer Lehrtätigkeit noch als Schülerinseinen Vorlesungen beiwohnen und an seinen unvergesslichen Exkursionenteilnehmen konnte, darf in dankbarem Gedenken über ein außergewöhnli-ches Gelehrtenleben mit einer schier unübersehbaren Fülle wissenschaftli-cher Arbeit berichten.
Leopold Kretzenbacher wurde am 13. November 1912 im südsteirischenLeibnitz als jüngstes von drei Geschwistern einer Eisenbahnerfamilie gebo-ren. Sein Vater entstammte einer Bauernfamilie aus der historischen Unter-steiermark, seine Mutter, eine Bürgerstochter, wurde in einem kleinenKarstdorf in Krain geboren. Früh schon verlor er den Vater und seineKindheit in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg war nicht freivon Entbehrungen und bitterer Not. Nach für ihn unerträglichen Jahren inden Zwängen eines kirchlichen Instituts in Oberösterreich gelang ihm derEintritt in ein Grazer humanistisches Gymnasium, wo er die letzten Mittel-schuljahre unter der Obhut eines gütigen Lehrers, der seine Begabungerkannte, mit der Matura- die er ,, mit Auszeichnung“ bestand- abschloss.Ab 1932 studierte er Germanistik, Klassische Philologie und Indogerma-nische Sprachwissenschaft, kam in den ersten Semestern auch mit derVolkskunde Viktor Gerambs in Berührung und promovierte 1936 mit einerDissertation zum steirischen Volksschauspiel bei Karl Polheim( 1883-1967). Es folgten weitere Studien der Altertumskunde, der Slawistik undBalkanologie bei Josef Matl( 1897-1974), mit dem ihn später eine lebens-lange Freundschaft verband, ehe er 1938 in den steirischen Landesdiensteintrat, wo er in dem von Viktor Geramb gegründeten Steirischen Volkskun-demuseum seine wissenschaftliche Arbeit aufnahm.
Während dieser Museumstätigkeit habilitierte er sich 1939 an der Uni-versität Graz mit der Untersuchung ,, Germanische Mythen in der epischenVolksdichtung der Slowenen“, in der bereits seine wissenschaftliche Leit-thematik der völker- und sprachübergreifenden kulturellen Wechselbezie-hungen von Deutschen und Slawen anklingt. Während des Zweiten Welt-kriegs, dessen Grauen er an den verschiedenen Fronten Süd- und Südosteu-ropas miterleben und mit erleiden musste, wurde er 1941 zum Dozenten,1943 zum ao. Professor für Deutsche Volkskunde in Graz und zum Gastpro-fessor für Germanistik an der Universität in Zagreb ernannt. Nach dem Ende