2002, Heft 1
Chronik der Volkskunde
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Vom sozialen Gebrauch der Entbindungsanstaltim 18. und 19. Jahrhundert
Das Göttinger Accouchierhaus von 1751in vergleichender Perspektive
Internationales Symposion, veranstaltet vom Max- Planck- Institutfür Geschichte, Göttingen, und dem Institut für Ethik undGeschichte der Medizin der Universität Göttingen,22. bis 23. November 2001
Das internationale und interdisziplinär besetzte historische Symposion fandin den Räumen des Max- Planck- Instituts für Geschichte in Göttingen stattund wurde von Prof. Dr. Claudia Wiesemann vom Institut für Geschichte derMedizin und Herrn Prof. Dr. Jürgen Schlumbohm vom Max- Planck- Institutin Göttingen veranstaltet. Eingeladen waren Experten und Expertinnen ausdem In- und Ausland und aus verschiedenen historisch arbeitenden Diszi-plinen. Die wissenschaftliche Konferenz war eingebettet in einen breiterangelegten Festakt der Universitätsfrauenklinik und Hebammenschule Göt-tingen, die in diesen Tagen ihr 250jähriges Bestehen feierte. Den Auftaktmachte Isabelle von Bueltzingsloewen aus Lyon mit ihrem Beitrag: DieEntstehung des klinischen Unterrichts an den deutschen Universitäten des18. Jahrhunderts und das Göttinger Accouchierhaus. Sie stellte heraus, daßim 18. Jahrhundert die ,, praktische Medizin“ in den Rang einer eigenenDisziplin erhoben wurde, in der die Studenten auf ihre künftige Aufgabe alsPraktiker vorbereitet werden sollten. Der große Erfolg des Versuchs einerLehre ,, am Krankenbett" an der Universität Leiden seit 1714 und an derpreußischen Universität Halle seit 1717 gab diesen Bestrebungen Recht. Füreine praktische Lehre aber war die Institution des Hospitals unerläßlich, danur dieses den Anforderungen des Unterrichts entsprechen konnte. Zu diesenin Europa ersten Hospitälern zählte auch die 1751 gegründete GöttingerAccouchieranstalt. Der anschließende Vortrag von Jürgen Schlumbohm ausGöttingen ging näher auf diese neu gegründete Institution ein und stellteunter dem Thema Grenzen des Wissens: Verhandlungen zwischen Arzt undSchwangeren im Entbindungshospital der Universität Göttingen um 1800das Arzt/ Patientin- Verhältnis in der Anstalt, näher vor. Er zeigte auf, daßbeide Parteien ein ganz unterschiedliches Wissen beispielsweise in Bezugauf den Tag der Empfängnis bzw. zur Schwangerschaftsdauer hatten und daßdies jeweils ausgehandelt werden mußte. Anhand der von ihm: ausgewertetenProtokollbücher der Göttinger Anstalt konnte er u.a. feststellen, daß vieleSchwangere für sich eigene Konditionen herausarbeiteten, indem sie andereAngaben zu ihrem Schwangerschaftsverlauf machten, als es in den zeitge-