2002, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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ZURAWSKI, Nils: Virtuelle Ethnizität. Studien zu Identität, Kultur undInternet(= Soziologie und Anthropologie, Bd. 11). Frankfurt am Main,2000, 283 Seiten.
Trägt das Internet Ihrer Meinung nach zur Lösung ethnischer bzw. nationalerKonflikte bei? Stärkt das Internet die eigene kulturelle bzw. ethnischeIdentität oder kommt es durch die Vernetzung zu einer weltweiten Anglei-chung von Lebensstilen und kulturellen Identitäten?
Fragen dieser Art waren Ausgangspunkt für Nils Zurawskis vorliegendeArbeit über den Zusammenhang von Ethnizität und der Nutzung des Inter-net. Im Rahmen seiner Dissertation versucht der Autor zu klären, ob und inwelcher Form Ethnizität im Internet in Erscheinung tritt bzw. ob sichinfolgedessen für die Konstituierung von ethnischer bzw. kultureller Identi-tät in den ,, realen" gesellschaftlichen Kontexten Veränderungen ergeben.
Zurawskis Studie zeigt den klassischen Aufbau einer wissenschaftlichenArbeit und gliedert sich in zwei Hauptkapitel: Einen ersten theoretischenTeil, in welchem der Autor versucht, den Begriff der Ethnizität in seinerVielschichtigkeit zu fassen und einen anschließenden empirischen Teil, inwelchem die Ergebnisse der Forschungsarbeit vorgestellt und analysiertwerden. Der Autor wählte für seine Untersuchung die Methode des Frage-bogens: Über einen Zeitraum von zwei Monaten wurde ein Fragebogen mitMultiple- Choice- Fragen, Fragen mit Beurteilungsskalen sowie einigen of-fenen Fragen im World Wide Web in drei Sprachen publiziert bzw. aufAnfrage per E- Mail verschickt der Fragenkatalog war somit an keinespezielle Gruppe gerichtet, sondern konnte von jeder Internet- Userin/ vonjedem Internet- User beantwortet werden. Feldforschungstagebuchartig be-schreibt der Autor die Vorgehensweise bei der Erstellung des Internet- Fra-gebogens und die Durchführung der Untersuchung. Wer an der Entwicklungder empirischen Sozialforschung- gerade in Hinblick auf das Arbeiten mitdem Internet als ethnologischem Werkzeug interessiert ist, kann hierErfahrungen nachlesen, möglicherweise die eine oder andere Schwachstelleentdecken und Möglichkeiten der Weiterentwicklung andenken.
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Der erste Teil der Arbeit behandelt, wie bereits erwähnt, im Wesentlichenden Begriff ,, Ethnizität“- der ja ein konstruierter ist- in seiner Vielschich-tigkeit und Vieldiskutiertheit. Zu Beginn wird die Leserin/ der Leser in dieEntwicklung und Verwendung der Begriffe ,, l'ethnie“ ,,, ethnic group" ,, eth-nische Gruppe" eingeführt. Ausgehend von dem griechischen Wort ,, ethnos“für Nation( gemeint waren damit alle nicht- israelitischen Nationen bzw.auch Nicht- Juden, Nation war ursprünglich ein homogenes Konzept) stelltZurawski die Diskussion um den Begriff ,, Ethnizität“ vor, die in den letztenfünfzehn bis zwanzig Jahren in den Geistes- und Sozialwissenschaften