Jahrgang 
105 (2002) / N.S. 56
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LVI/ 105

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ein enormes Handicap wer dieser Sprache nicht mächtig ist, kann seineeigene Kultur nach außen kaum adäquat präsentieren.

Zurawskis Auffassung von Ethnizität als Ressource der kollektivenSelbstorganisation ist Grundtenor des Buches, und seine Arbeit ist imGrunde ein gelungener Versuch, den Begriff der Ethnizität auch für dieBildung ethnischer Identitäten im Internet zu konzeptionalisieren. Wichtigist, dass Ethnizitäten im Internet nicht losgelöst von der realen Umgebunggesehen werden können und das Internet- wie andere Medien auch eineweitere Dimension der Veränderung von Kultur darstellt. Mit seinem Kon-zept der ,, virtuellen Ethnizität, das Ethnizität im Hinblick auf eine Ausein-andersetzung mit Technologie und ihren Folgen für Kultur und Identitätmeint, denkt Zurawski an eine Flexibilisierung bzw. Weiterentwicklung desBegriffes. Dies ist gelungen und legitim es entspricht schließlich derDynamik und dem Prozesshaften von Ethnizität.

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Zurawskis Studie zu ,, Identität, Kultur und Internet" ist kein Lesebuch,sondern eine Doktorarbeit theoretischer Natur. Dies im Hinterkopf behal-tend, lohnt es sich, sich durchzubeißen.

Birgit Johler

BINDER, Beate: Elektrifizierung als Vision. Zur Symbolgeschichte einerTechnik im Alltag(= Untersuchungen des Ludwig- Uhland- Instituts der Uni-versität Tübingen, Bd. 89). Tübingen, Tübinger Vereinigung für Volkskun-de, 1999, zugl. Univ. Diss. Tübingen, 1996, 399 Seiten, 56 SW- Abb.

Beate Binders Symbolgeschichte der Elektrizität beginnt mit der Wiederga-be einer Zeitungsnotiz, in der vom verspäteten Einzug des Fortschritts in den,, Steinerhof berichtet wird: kurz vor Weihnachten 1986 wurde der letzteBergbauernhof Tirols an das Stromnetz angeschlossen. In einer Zeit, in derdie Anwendung der Elektrizität in allen Lebensbereichen ein sehr hohes Maßan Selbstverständlichkeit erreicht hat, erinnert diese Zeitungsmeldung dar-an, daß es einmal eine Zeit gab, in der sich das tägliche Leben ohneStromnetz, Steckdosen und elektrische Geräte vollzog. Hier setzt auchBinders Interesse an der Elektrizität an: so selbstverständlich und weitge-hend unbewußt heute Elektrizität genutzt wird, so weitreichend mußtenWahrnehmungsweisen und Handlungsabläufe verändert, mußten spezifi-sche Kompetenzen bei der Nutzung elektrischer Geräte entwickelt und inbestehende Denk- und Handlungsroutinen integriert bzw. neue herausgebil-det werden. Ausgangsthese von Binders Untersuchung ist, daß die mit denneuen technischen Geräten einhergehenden neuen Handlungsoptionen imRahmen alltagsweltlicher Logik plausibel und, sinnvoll" erscheinen