Jahrgang 
105 (2002) / N.S. 56
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ÖZV LVI/ 105

GELLNER, Ernest: Nationalismus. Kultur und Macht. W. J. SiedlerVerlag, 1999, 184 Seiten.

In seinem Werk ,, Nations and Nationalism"( Oxford 1983, deutsch ,, Natio-nalismus und Moderne", Hamburg 1995) stellt Ernest Gellner den Nationa-lismus( ,, der die Nationen hervorbringt, und nicht umgekehrt") als Produktder Industriegesellschaft dar; er nutze die kulturelle Vielfalt eines Landesselektiv, erfinde Traditionen und restauriere ,, recht fiktive Urzustände. Nuntat dies selbstverständlich nicht der Nationalismus; dafür zeichneten viel-mehr seine ,, Baumeister" verantwortlich, zu denen auch die meisten Volks-kundler und Ethnographen( oder wie auch immer sich die ,, Volkstumswis-senschaftler" nannten) zählten und lange noch zählen sollten- schon( abernicht nur) deshalb ist die Auseinandersetzung mit Fragen der Konstruktion,des Weiter- und Auflebens von Nationalismus ein wichtiges Anliegen heu-tiger Ethno- Forschung.

Im vorliegenden, vom Sohn des 1995 verstorbenen Autors( als Sohndeutsch- jüdischer Eltern 1925 in Paris geboren, in Prag aufgewachsen, vonden Nazis 1939 ins Exil getrieben, später Professor in London und Cam-bridge und zuletzt Direktor des Zentrums für Nationalismusforschung inPrag) posthum herausgegebenen Band greift Gellner das Thema wiederumauf und versucht nochmals, dem Phänomen Nationalismus und seinen ver-hängnisvollen Auswirkungen nachzugehen. Der Bogen der Darstellungreicht von den ideengeschichtlichen Wurzeln über die Herausbildung alspolitische Kraft bis hin zu den unterschiedlichen Formen nationalen Extre-mismus in der Gegenwart, wobei der Verfasser ein Modell der verschiedenenStadien entwickelt. Zu Grunde liegt Gellners Überzeugung, daß ,, gemein-same Kultur ein, das[ Hervorhebung durch O. B.] Bestimmungsmerkmalvon Nationalismus ist: ,, Nationalismus ist eine Form politischen Denkens,die auf der Annahme beruht, daß soziale Bindung von kultureller Überein-stimmung abhängt. Er ist weder universell noch zufällig, sondern die Folgebestimmter sozialer Verhältnisse; er entsteht dort ,,, wo sich eine Gesellschaftdie Sprache einer Gemeinschaft aneignet; das heißt, eine mobile, anonymeGesellschaft tut plötzlich so, als sei sie eine nach außen geschlossene trauteGemeinschaft beim Lesen eines solchen Satzes wird man unweigerlich

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an die volkskundliche Gemeinschafts- Ideologie und hoffentlich auch anHermann Bausingers Kritik der Grundbegriffe erinnert.

Gellner beschränkt sich allerdings nicht darauf, Wurzeln, Entwicklungund Wesen des Nationalismus aufzuzeigen, sondern gibt auch Empfehlun-gen zu seiner Überwindung, u.a. durch ,, kulturellen Pluralismus und