2002, Heft 1
Buchanzeigen
91
„ Entzauberung des Territoriums“. Da sind bzw. wären wohl auch die Ver-treter/ innen der Volkskunde und ihrer Nachfolgedisziplinen gefordert, sofer-ne sie sich daran erinnern, daß es einmal als Aufgabe ihrer Wissenschaft( en)angesehen wurde, einen Beitrag zur Lösung soziokultureller Probleme zuleisten.( OB)
VARGAS LLOSA, Mario: Nationalismus als neue Bedrohung(= EditionZweite Moderne). Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 2000, 150 Seiten.Der Band vereint vierzehn in den Jahren 1993 bis 1999 verfaßte kritischeEssays des bekannten peruanischen Autors. Sie sind geprägt von seinenErfahrungen sowohl in Lateinamerika als auch in Europa, vom politischenDenken eines liberalen Weltbürgers. Dieser Liberalismus ist es, der seineAblehnung jeglicher Formen von Kommunismus und Faschismus erklärt,und ebenso seine Frage nach den Konstrukteuren und Nutznießern von,, Ethnizität“, seine Kritik von auf übertriebener Regionalität( ,, Provinzialis-mus“) fußenden Identitätskonzepten, seine ausgewogene und auf einseitigeSchuldzuweisungen verzichtende Haltung zu den Konflikten auf dem Bal-kan, seine positive Stellungnahme zugunsten von Immigranten.
...
Er der Liberalismus( mit dessen Position am Übergang des zweiten insdritte Jahrtausend er sich abschließend beschäftigt)- macht auch VargasLlosas Eintreten für Eigenverantwortung, freie Marktwirtschaft und Globa-lisierung( und das Ausblenden manch real existierender Schattenseiten)verständlich; in letzterer sieht er eine Chance zur Festigung von Toleranz,Pluralismus, Legalität und Freiheit auch in Ländern, die noch immer ,, Skla-ven der autoritären Tradition" sind. Als solche kann man auch die ,, neuenNationalisten“ bezeichnen, die, so der Verfasser, weniger von Intelligenzdenn von Instinkt und Leidenschaft geleitet werden, nicht von Ideen, son-dern von Überzeugungen und Mythen.
Die Volkskunde hat- in der Vergangenheit und fallweise wohl auch bisin die Gegenwart- zur Konstruktion und Aufrechterhaltung dieser Mythenbeigetragen. Den heutigen und bedrohlichen Nationalismus( dessen Facet-ten die einzelnen Abschnitte beleuchten) nicht nur zu analysieren, sondernauch zu bekämpfen wäre folgerichtig eine der Aufgaben, die einer wahrhaftEuropäischen Ethnologie als einer kritischen- sowohl historisch als auchempirisch arbeitenden vergleichenden Kulturwissenschaft vordringlichzukäme, selbstverständlich, um ein Zitat des Verfassers zu gebrauchen,,, nicht im Namen eines andersgearteten Nationalismus, sondern im Namender Freiheit und der demokratischen Kultur“.