Jahrgang 
105 (2002) / N.S. 56
Seite
171
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LVI/ 105, Wien 2002, 171–177

Chronik der Volkskunde

Volksliteratur und kulturelle Identität:Regionale und überregionale Perspektiven

15. Interdisziplinäres Symposion zur Volkserzählungauf der Brunnenburg vom 17. bis 21. Oktober 2001Während in einem sich immer schneller vollziehenden Prozess der Globa-lisierung Länder und Kontinente enger zusammenrücken, geraten Systemenationaler, regionaler und ethnischer Legitimation zusehends in Bedrängnis.Kulturelle Identität tritt dadurch in immer stärkerem Maße ins Bewusstsein,wird zum Diskussionsgegenstand, durchdringt autobiographisches und all-tagskulturelles Erzählen. Mit der Wahl des vorliegenden Themas betonendas Institut für Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck und derArbeitskreis Brunnenburg die dringende Notwendigkeit eines tieferen Ver-ständnisses jener Rolle, die Aspekte der Volkserzählung im Bereich kultu-reller Identitätsfindung und-legitimation zu spielen vermögen.

Es war bereits das 15. Interdisziplinäre Symposion zur Volkserzählung,das im Oktober letzten Jahres auf der Brunnenburg stattfand. LeanderPetzoldt( Innsbruck) als Veranstalter und Siegfried de Rachewiltz( DorfTirol) als Gastgeber hatten wieder renommierte Kolleginnen und Kollegenaus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Kroatien und Ungarn eingeladen.Den Eröffnungsabend gestaltete der bekannte Interpret des Nibelungenlie-des Eberhard Kummer( Wien), indem er Auszüge aus dem umfangreichenEpos zu Drehleiher und irischer Harfe vortrug.

Der Beitrag ,, Patriotismus und die Verschriftlichung von Volksliteratur"des Kultursoziologen Justin Stagl( Salzburg) leitete am ersten Tag zumeigentlichen Thema der Tagung über. Dabei beschäftigte sich Stagl mit denfür die Herausbildung der Volksliteraturforschung so wichtigen patrioti-schen Tendenzen der bildungsbürgerlichen Schichten des 18. Jahrhunderts.Der bewußt weit gefaßte Begriff umschließt verschiedene Nuancierungen:Patriotismus ist danach weniger als Vorstufe zu verstehen, denn als Zwi-schenform und-schritt von einem bürgerlich- territorialen zu einem ethni-schen Nationaldenken.

Vilmos Voigt( Budapest) diskutierte den Identitätsbegriff eingehend, wie er-unzählige Publikationen belegen dies- im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte inder ethnologisch- folkloristischen Forschung zunehmende Beliebtheit erlangt hat.