Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LVI/ 105, Wien 2002, 179-213
Literatur der Volkskunde
NEUMANN, Michael( Hg.): Erzählte Identitäten. Ein interdisziplinäresSymposion. München, Wilhelm Fink Verlag, 2000, 304 Seiten.
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Für die Überlieferung menschlicher Erfahrung gibt es kein geeigneteresTransportmittel als die Erzählung. ,, Erzählen gehört zu den ältesten menta-len Techniken des Menschen." Diese Grundsatzerklärung stellt MichaelNeumann Professor für Neuere Deutsche Literatur an der KatholischenUniversität Eichstätt seinen anthropologischen Überlegungen über dasErzählen voran( S. 280–294, zit. S. 280). Ausgehend von Quelle und Wis-sensstand machen Erzählungen Vergangenes( be-) greifbar, indem sie dasje-nige Wissen weiterleiten, das die Menschen für reizvoll, wichtig und aufhe-benswert erachten. Diese Zensur wählt aus der Überfülle des Stoffes aus,sichtet, prüft und bewertet, sortiert und stellt Beziehungen her. Erzählen isteine kulturelle Technik, der sich jeder bedient, um Faktenwissen und gewon-nene Erkenntnis ebenso wie Überzeugung und Selbstwahrnehmung mitzu-teilen. Der Zusammenhang zwischen Erzählen und Identität zählt daher zuden interessantesten Fragen, die die Kulturforschung heute beschäftigt undweit mehr als die Beiträge nur von Literaturwissenschaftlern und Märchen-forschern erwarten lässt. Neumann hat den beachtenswerten Versuch unter-nommen, Vertreter verschiedener Fächer- der Ägyptologie, Amerikanistik,Anglistik, Germanistik, Romanistik, Neueren Geschichte, Ethnologie, Psy-choanalyse, Entwicklungs- und Neuropsychologie miteinander ins Ge-spräch zu bringen. Der von ihm herausgegebene Band publiziert die Beiträ-ge eines Symposions, das im Sommer 1998 an der Katholischen UniversitätEichstätt stattgefunden hat.
Während gemeinsame Forschungsprojekte von Kultur- und Sozialwis-senschaftlern heutzutage zum wissenschaftlichen Alltag gehören, scheintdie Zusammenarbeit mit Medizinern wie Neuropsychologen oder Vertreternder Klinischen bzw. Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie eherSeltenheitswert zu besitzen. Ein so breit gefächerter Gedankenaustauscherfordert natürlich intensives konzeptionelles Vordenken, was sich in einemFragenkatalog widerspiegelt, den Neumann seinen Gesprächspartnern zurVorbereitung zukommen ließ. Dieser lenkte die Aufmerksamkeit im Vorhin-ein auf die spezifischen Leistungen des Erzählens bei der Ausbildung vonIdentität, auf die Vergleichbarkeit von individueller und kollektiver Identi-