2002, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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entierung der Volkskunde als Empirische Kulturwissenschaft und Europäi-sche Ethnologie nichts geändert. Der nach wie vor im Hintergrund schwe-lende Vorwurf, beide Fächer wären zu starr ihrem Gattungskanon verpflich-tet, entbehrt nicht nur jeglicher Grundlage, er reflektiert in höchstem Maßedie Unbelesenheit derjenigen, die ihn aussprechen. Hieran sehen wir, dasseben auch der wissenschaftliche Diskurs Identitäten hervorbringt, die aufZuschreibungen, Erinnerungen und Erinnerungserzählungen basieren!Susanne Hose
MÜLLER- FUNK, Wolfgang: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Ein-führung. Wien, New York, Springer, 2002, 291 Seiten, Abb.
Das Buch ist eine Einführung in die Kulturwissenschaft aus narratologischerPerspektive, das heißt es begreift kulturelle Phänomene als Erzählungen undverbindet damit zwei wissenschaftliche Diskurse, die im Allgemeinen ge-trennt erörtert werden, nämlich jenen über Kultur und jenen über dasNarrative. Zunächst wird der schillernde Begriff ,, Kultur“ umrissen: einFaktor, der sich nicht auf Ökonomie, Soziologie und Politik reduzieren lässt( S. 3); ein Phänomen, das als Reaktion auf die zunehmende Globalisierungund Internationalisierung von Prozessen zu verstehen ist( S. 4). Ex positivo:Kultur meint ursprünglich Bodenkultur und ist heute ein Gegenbegriff zuNatur( S. 8). Zum anderen hängt er mit Kult zusammen, mit kollektivenErinnerungsbeständen( ebd.), und zum dritten bedeutet er symbolischeTeilhabe, das heißt das Bemühen, einen Zugang zu finden zu einer Welt,,, die ansonsten fremd, sinnleer, abweisend ist“( S. 9). Neben den deskripti-ven existieren normative Bedeutungen: Kultur wird eingeengt auf Hochkul-tur, auf das ,, Wahre, Gute und Schöne“, oder es wird ein Gegensatz zwischenKultur und Zivilisation konstruiert( S. 9ff). Diesen möchte Müller- Funkvermeiden, und er schlägt vor ,,, Kultur als einen Prozess zwischen, gelebterLebenskultur und exponierter, materialisierter Kultur“ zu begreifen( S. 12).Daraus ergibt sich ein ,, mittlerer“ Begriff von Kultur, der weder zu enggefasst ist( als Hochkultur) noch zu allgemein, indem er„, alle anderenBegriffe( Gesellschaft, Mensch, Natur) unter sich begräbt“( ebd.). UnterBezugnahme auf Clifford Geertz versteht er Kulturen daher als zu entschlüs-selnde Texte, die nur teilweise ins Bewusstsein gelangen und im Gegensatzzur Dichtung von wirklichen Menschen handeln, die leben und sterben undleiden.( Die ausführliche Analyse latenter Erzählungen am Beispiel einesZeitungsartikels sowie einer Werbeeinschaltung ist dem Autor auf beein-druckende Weise gelungen, S. 156-164.) Ein weiterer Grund, die getrennten