2002, Heft 2
Literatur der Volkskunde
195
mythische Vorzeit verfolgt wird, was Hobbyheimatkundler sonst so gerntun. Doch auf den letzten Seiten geistert es wieder: Und die Christbaumku-geln werden flugs zum„ uralten Fruchtbarkeitssymbol“( S. 258) erklärt.Doch werden keine Ge- Brauchs- Anweisungen gegeben, im Gegenteil: ,, Je-der ist eingeladen, sich sein eigenes Körnchen Wahrheit herauszusuchen undauf verborgene Wunder der Natur zu stoßen. Ohne Anspruch auf Wahrhaf-tigkeit und wissenschaftliche Begründung. So steht es jedem frei, heilsa-me Kräuter anzuwenden, Wettersprüche in die Tagesplanung einzubeziehenund an den Einfluß von Tierkreiszeichen und Mondrhythmen zu glauben."( S. 5)
Helga Maria Wolf
_
BENTHIEN, Claudia, Anne FLEIG, Ingrid KASTEN: Emotionalität. ZurGeschichte der Gefühle.(= Literatur Kultur Geschlecht. Studien zurLiteratur- und Kulturgeschichte. Kleine Reihe, Bd. 16) Köln, Weimar, Wien,Böhlau Verlag, 2000, 238 Seiten, 8 s/ w- Bildtafeln.
Emotionen haben Konjunktur. 1995 hat der Psychologe und Kognitionswis-senschaftler Daniel Goleman mit seinem in New York erschienenen Buch,, Emotional Intelligence. Why it can matter more than IQ“ ein Umdenkenauf breitester Basis initiiert und eine Publikationswelle ins Rollen gebracht.Der Trendforscher Matthias Horx zählt Emotionale Intelligenz zu den wich-tigsten Fähigkeiten einer Kultur des 21. Jahrhunderts. Der BestsellerautorJohn Naisbitt setzt 1999 dem Begriff ,, High- Tech"( Hochtechnologie) das neueWort ,, High- Touch" entgegen: ,, High- Touch ist menschliche Emotion, Familie,das Lächeln eines Kindes, Freude, das Aufleben in der Natur, Liebe etc."
Im selben Jahr haben sich Kulturwissenschaftler verschiedener Diszipli-nen an der FU Berlin mit der Geschichte der Gefühle befasst. Die Ergebnissesind im vorliegenden Band dokumentiert. Vom Cover blickt eine MaterDolorosa. Dierk Bouts hat sie um 1460 gemalt. Der Ausschnitt lenkt denBlick des Lesers auf die Tränen und das gerötete Auge der Madonna. Seitder Antike werde die Verkörperung von Leid vorrangig Frauen zugeschrie-ben, bemerken die Herausgeberinnen zum emblematischen Titelbild.
Der Sammelband ist in der Reihe ,, Literatur Kultur- Geschlecht"erschienen. Literatur dient als Einstieg, Reflexionen über das Glück, wiejene vor 200 Jahren von Heinrich Kleist formulierten: ,, Glücklich zu seinist ja der erste aller unsrer Wünsche...“ Dieser Wunsch müsse Utopiebleiben, meinte der Dichter. Heute hingegen erscheint Glück machbar. Diewestliche Kultur geht von einem Grundrecht auf Glücklichsein aus. Kultur