2002, Heft 2
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PAOLI, Betty: Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?Hg. u. eingeleitet v. Eva GEBER, mit einem Essay v. Karin S. WOZONIG.Wien, Mandelbaum, 2001, 202 Seiten, 7 Abb., ISBN 3-85476-050-7.
Dieses Büchlein von und über Betty Paoli( 1814-1894), eine in der Gegen-wart leider in Vergessenheit geratene Dichterin, Schriftstellerin, Journalistinund Feuilletonistin, gliedert sich in einen kürzeren wissenschaftlichen Teilund einen längeren, mit Originaltexten der in Wien geborenen und in Badenverstorbenen Barbara Elisabeth Glück, die ab 1841 unter dem PseudonymBetty Paoli veröffentlichte.
Die wissenschaftliche Bearbeitung stammt zum einen von Eva Geber, derHerausgeberin, die sich mit Biographie und Persönlichkeit sowie demFreundeskreis und dem Lebensumfeld, aber auch dem schriftstellerischenWirken bis hin zum Schreibstil( und dessen Analyse) jener bemerkenswer-ten Frau befasst; zum anderen von Karin S. Wozonig, die sich derenjournalistischer Arbeit widmet und der wir eine den Schluß des Bandesbildende Bibliographie Paolis verdanken. Sowohl Geber als auch Wozonig( die 1999 ein Buch über Paoli veröffentlicht hat) kommt das große Verdienstzu, Leben und Werk einer außergewöhnlichen Persönlichkeit sozusagendem ,, Dornröschenschlaf" entrissen zu haben.
Im zweiten, längeren Abschnitt kommt ,, die Paoli".- war sie doch zuLebzeiten eine allseits bekannte, von einigen jedoch auch mißverstandene,wenn nicht gar angefeindete Person- mit fünf Feuilletons( vier davon ausder Neuen Freien Presse), etlichen Rezensionen und einem ausführlichenNachruf auf die 1866 verstorbene Schauspielerin Julie Rettich selbst zuWort. Diesen Teil hätte man sich durchaus umfangreicher gewünscht; hatman nämlich Betty Paolis Texte im ,, Originalton“ gelesen, so möchte manmehr davon. Es ist erstaunlich, ja verblüffend, derlei ,, modernes" Gedan-kengut, verbunden mit- besonders für die damalige Zeit – revolutionärenForderungen, in solch kluger Argumentation kennenlernen zu können – aufhohem sprachlichen Niveau verfasst von einer Frau des 19. Jahrhunderts,einer Zeit, in der man im allgemeinen den Standpunkt vertrat, daß Frauenund Bildung bzw. Politik schlichtweg nichts miteinander zu tun hätten, daßFrauen in der Öffentlichkeit nicht auftreten, geschweige denn eine eigeneMeinung äußern sollten.
Paolis Essays gewähren tiefe Einblicke in die soziale Lebenswelt jenerEpoche, in Prozesse, welche die beginnende Industrialisierung und Urbani-sierung( verbunden mit damit einhergehender Pauperisierung breiter Bevöl-kerungsschichten) mit sich brachten. Besonders am Herzen lag ihr aber das