Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVI/ 105, Wien 2002, 297-314
Succarathein Fabeltier in Münchner Krippen desfrühen 19. Jahrhunderts
Nina Gockerell
In Münchner Krippen des frühen 19. Jahrhunderts taucht inder Szene der Flucht nach Ägypten häufig die Schnitzfigureines Fabeltieres auf, das die Jungen auf seinem Rücken mitseinem breiten Schwanz beschirmt. Die erste Erwähnung mitAbbildung unter dem Namen Succarath findet sich in ConradGessners Historia Animalium von 1551. Bis ins 18. Jahrhun-dert hinein folgen weitere Beschreibungen in naturkundlichenWerken. Im Barock wird das Tier zum Emblem für die Fluchtnach Ägypten( z.B. in der Sala del Tesoro in Loreto). Vermut-lich handelt es sich nicht wie vermutet wurde um einausgestorbenes Riesenfaultier, sondern um eine frühe Zusam-menfügung verschiedener Präparate exotischer Tiere.
Die nachweihnachtliche Szene der Flucht nach Ägypten wurde in denMünchner Krippen des frühen 19. Jahrhunderts meist besonders dra-matisch dargestellt. Das den Krippenbauern weitgehend unbekannteLand Ägypten war in den figurenreichen Wechselkrippen wohlhaben-der Münchner Familien bewohnt von teils exotischem, teils derFabelwelt entsprungenem Getier. Darunter findet man aufrecht ge-hende Mähnenaffen, ² Meerkatzen verschiedener Art, Strauße, Löwen,Schlangen, Leoparden, nilpferdartige Vierfüßler und das Succarath,dem diese Untersuchung gilt( Abb. 1). Alle Tiere sind aus Lindenholzgearbeitet und farbig gefaßt, wobei sowohl die hohe Qualität der
1 In der Krippensammlung im Bayerischen Nationalmuseum wird die ungewöhn-liche Szene des Übersetzens der heiligen Familie in einem Kahn über den Nilgezeigt( Krippe 94), wobei das ägyptische Ufer von exotischen und von Fabel-tieren bewohnt ist.
2 Diesen aufrecht gehenden Affen mit dem von einer Mähne umgebenen Gesichtfindet man beispielsweise in Bernhard von Breydenbachs 1486 in Mainz erschie-nener ,, Reise ins Heilige Land" auf einer Holzschnittillustration zusammen mitKrokodil, Kamel, Einhorn, Giraffe und verschiedenen Ziegenarten mit der Bild-unterschrift: ,, Hec animalia sunt veraciter depicta sicut vidimus in terra sancta."