Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LVI/ 105, Wien 2002, 345-362
,, Mit aller Hochachtung Ihre ergebene Josefa Gerharter"Ein Briefwechsel als Quelle zur frühen Sammlungsgeschichte desSteirischen Volkskundemuseums
Roswitha Orač- Stipperger
Aus der Aufbauphase des 1913 gegründeten SteirischenVolkskundemuseums existiert ein aufschlussreicher Brief-wechsel zwischen dem Museumsgründer und-leiter ViktorGeramb und der einfachen Störnäherin Josefa Gerharter ausSchladming. Gerharter vermittelte dem Museum zahlreichevolkskundliche Objekte, über deren Herkunft und Verwen-dung sie ausführlichst in ihren Briefen berichtet. Diese Sach-geschichten sind wichtige Mosaiksteine in der frühen Samm-lungsdokumentation, Beispiele gediegener Mundart undZeugnisse regionaler Lebensumstände in der Zeit des ErstenWeltkrieges.
Mit Beschluss des Steiermärkischen Landesausschusses vom 16. Juni1913 wurde das Volkskundemuseum im ehemaligen Kapuzinerklos-ter in der Grazer Paulustorgasse als selbständige Abteilung des Stei-ermärkischen Landesmuseums Joanneum gegründet und Viktor Ge-ramb mit der Leitung der neuen Sammlung betraut. Dieser Entschei-dung waren bereits mehrere Jahre intensiver volkskundlicher Mu-seumsarbeit vorausgegangen. Geramb, 1909 zum Sekretär des Joan-neumskuratoriums ernannt, erhielt 1911, im Jubiläumsjahr des Joan-neums, den Auftrag, die volkskundlich relevanten Sammlungsbe-stände des Landesmuseums für eine Sonderausstellung zu bearbeiten,zu sichten und auch die Sammlung zu erweitern. VolkskundlichesMaterial war bis dahin in der„ Kulturgeschichtlichen und Kunst-gewerbeabteilung“ in der Neutorgasse konzentriert. Dort hatte KarlLacher bereits seit den achtziger Jahren eine interdisziplinäre Basisfür das spätere Volkskundemuseum gelegt.' Vom Zeitpunkt der Über-siedlung in ein eigenes Museumsgebäude betrieb Geramb den Samm-lungsaufbau und die Einrichtung der Ausstellungsräume mit großer
1 Vgl. dazu Lacher, Karl: Die Hausindustrie und Volkskunst in Steiermark. In:Zeitschrift des Historischen Vereines. Graz 1906, IV. Jg., Heft 1, S. 19–32.