Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVI/ 105, Wien 2002, 389–402
Heilige Zeiten- Traumzeiten
Ein Beitrag zur Geschichte und Bedeutung des Salzburger
1. Problemaufriẞ
Adventsingens
Oliva Wiebel- Fanderl
Der Artikel zeigt, warum sich die Besucher der SalzburgerAdventveranstaltungen auf die Reise nach Salzburg begebenund was sie im Festspielhaus erwartet, aber auch seit wannund warum es das Salzburger Adventsingen gibt und welcheVeränderungen und Entwicklungen es genommen hat. ImRahmen dieser Veranstaltung finden unterschiedliche Ge-fühlslagen und Träume der Zuschauer ihren Ort. Das Advent-singen ist Trägerin einer Utopie, in die Vergangenheit ebensohinein projiziert werden kann wie Zukunft. Die Emotionen,die dadurch jedes Jahr neu ausgelöst werden, ergeben sichnicht reflexartig aus dem Schauspiel, sondern immer ausbereits vorhandenen Erfahrungen, die mit dem gerade Erleb-ten zusammen gelesen werden. Soziale Wirklichkeit als sym-bolische Wirklichkeit konstruiert sich letztendlich erst durchdie Interpretationsprozesse der einzelnen Akteure.
Die Vorstellung, daß bestimmte Zeiten besonders heilig sind, findetsich weltweit in Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart.' Inlebensgeschichtlichen Erzählungen werden heilige Zeiten immerwieder als Zeiten des Träumens erinnert.
Was bedeutet das Wort Traum in der Alltagssprache? Was meinenMenschen, wenn sie sagen ,, Das war ein schöner Traum“? Hier wirdman wohl überwiegend interpretieren, daß sie vom Gegensatz zurRealität sprechen. Im Duden der sinn- und sachverwandten Wörtersteht neben dem Verb träumen das Wort hoffen. Neben dem Attribut,, heilig" findet man das Synonym ,, göttlich".2
1 Mitterauer, Michael: Heilige Jahre. In: Wolfgang Müller- Funk( Hg.), ZEIT.MYTHOS, PHANTOM, RĔALITÄT. Wien 2000, S. 79-91, hier: S. 79.
2 Duden. Sinn- und sachverwandte Wörter und Wendungen, Bd. 8. Wien 1972,