Jahrgang 
105 (2002) / N.S. 56
Seite
433
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2002, Heft 3+ 4

Chronik der Volkskunde

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Herder- Preis 2002

Würdigung für Prof. Todorova Ivanova, Bulgarien

Die Verleihung der Herder- Preise sollte in diesem Jahre, dem 39. in Folge,wieder einmal Anlaß sein, sich die immense Bedeutung vor Augen zu halten,die der große Kulturphilosoph und Begründer der GeisteswissenschaftenJohann Gottfried Herder für die Nationsbildung und Identitätsbestimmungder Völker besitzt, die mit dem Preis angesprochen sind. Ohne Herdersnachhaltigen Hinweis auf die Muttersprache in ihrem unmittelbarsten Ver-ständnis als Instrument der Welterfahrung und jeglicher Geistestätigkeit, aufdie Volksdichtung- noch vor aller Kunstübung und Philosophie- und, lastbut not least, durch die geschichtsphilosophische Sinngebung der Rolle, diedie großen und kleinen Völker im Weltenlauf spielen, hat Johann GottfriedHerder in einer Art Urschöpfung den Völkern ihren Ort im Kosmos derzivilisierten Welt zugewiesen. Herder hat nicht Nationalismus gepredigt,wie man ihm mitunter vorwirft, sondern das kulturelle Profil der einzelnenVölker gesucht, die kulturelle Besonderheit und Leistung aufgespürt, diejedes Volk im großen Orchester der Nationen zu einer unverwechselbarenund unverzichtbaren Stimme macht. Und kein Part, groß oder klein, ist ausder Partitur der Kulturen wegzudenken. Günter Grass hat erst letzthinbetont, daß Herder nicht über, Nationen, sondern über ,, Kulturnationennachgedacht hat.' Globalisierung, Universalismus, Unilateralismus stehenim eklatanten Widerspruch zu Herders Visionen der gleichberechtigtenVielheit der Völker und Kulturen. Die Gefahr, daß die kleinen NationenEuropas, die in ihrer Mannigfaltigkeit so viel zum kulturellen Reichtum desKontinents beitragen, an den Rand verbannt bleiben, von dem sie fortstre-ben, zeichnet sich in diesen Jahren deutlich ab. Vielleicht wird ja diepolitische und die sozialökonomische Integration der Staaten Ostmittel- undSüdosteuropas in die Europäische Union gelingen.- Wie aber sieht es mitder kulturellen Integration, dem Erhalt der reichentwickelten Sprachen, derVielfalt der kulturellen Besonderheiten aus? Wird darüber überhaupt nach-gedacht? Oder interessieren lediglich Prognosen über wirtschaftlichesWachstum, Subventionen und Migrantenströme?

Der Johann- Gottfried- Herder- Preis setzt, nach dem Willen seines unver-gessenen Stifters Alfred Toepfer, alljährlich ein Zeichen dafür, daß diehervorragenden Leistungen von Künstlern und Geisteswissenschaftlern ausOstmittel- und Südosteuropa hohe Anerkennung und Wertschätzung inEuropa finden. Er beschwört damit jedes Jahr aufs neue die Einheit und dieGröße der europäischen Kultur, die dem ernsten Herder am Herzen lag unddie heute vom auftrumpfenden Gerangel kulturvergessener Global playersüberwogt zu werden droht.