436
Chronik der Volkskunde
ÖZV LVI/ 105
Paris zieht in die ,, Provinz":
Das Musée national des Arts et Traditions populaires( Paris) wird2008 zum Musée national des Civilisations de l'Europe et de laMéditerranée( Marseille)
Was bewegt eine große nationale Institution, komplett von Paris nachMarseille umzuziehen? Gerade in Frankreich, wo nahezu alles in Pariskonzentriert ist, verwundert dieser Umzug, umso mehr, als bei der Gründung1937 ein Standort in der ,, Provinz“ ausgeschlossen wurde, um die nationaleBedeutung zu unterstreichen. Lange Jahre war das Musée national des Artset Traditions populaires( abgekürzt ATP) in Räumlichkeiten des Palais deChaillot eher provisorisch untergebracht, bevor es in den 1960er Jahren ineinen Neubau im Bois de Boulogne ziehen konnte. 1972 bzw. 1975 eröffnetedie Studien- bzw. Schausammlung. Georges Henri Rivière, der Gründer undlangjährige Leiter des Museums inszenierte die Volks- und AlltagskulturFrankreichs auf eine noch nie dagewesene Weise. Er suchte den überregio-nalen, nationalen thematischen Bezug, nicht so sehr den regionalen, und ließsich von Claude Lévi- Strauss dafür ein Grundkonzept erstellen. Die Expo-nate stellte Rivière in den Vordergrund. Deshalb ist die Ausstellungs-architektur transparent, und alles in ein dunkles Ambiente getaucht: Alleindie Objekte sollten glänzen. Um die Sichtbarkeit der Exponate zu gewähr-leisten und um mit den Objekten etwa einen Arbeitsablauf zeigen zu können,hängte Rivière die Objekte mit unsichtbaren Nylonfäden ab. Hatte dasMuseum in den 1970er Jahren ein innovatives und weltweit beachtetesKonzept vorgelegt, so ist seit spätestens Ende der 1980er Jahren offensicht-lich, dass das ATP nach neuen Lösungen suchen muss. Das Konzept galt alsveraltet, niemand interessierte sich mehr für die materielle Kultur desländlichen Frankreich; die Besucher blieben aus. Das ATP wurde in derPresse zum ,, Königreich der Spitzenhauben“ und zum ,, Mausoleum vonRivière" erklärt.
Anfang der 1990er Jahre war im Zuge von staatlichen Dezentralisierungs-bestrebungen schon einmal ein Umzug in die Provinz vorgesehen. Damalswehrte sich das ATP mit Unterstützung der führenden französischen Ethno-logen gegen diesen rein politisch motivierten Vorschlag. Es folgte einebewegte Phase für das ATP: Museumsexperten wurden eingeladen, Exper-tisen zu erstellen; in Fachzeitschriften nahmen die Diskussionen über die,, arts et traditions populaires“ einen breiten Raum ein. Die Situation begannsich zu klären, als Anfang 1996 der Archäologe Michel Colardelle dieLeitung übernahm. Auf zahlreichen Tagungen stand die Zukunft der Insti-tution zur Debatte. In dieser Hinsicht war der internationale Kongress