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Chronik der Volkskunde
ÖZV LVI/ 105
Jahrestagung 2002 der Sektion Biografieforschung in derDeutschen Gesellschaft für Soziologie
,, Analyse,( Selbst-) Reflexion und Gestaltung professionellerArbeit. Der Beitrag der sozialwissenschaftlichenBiografieforschung und anderer interpretativer Forschungsansätze“,vom 24. bis 26.5.2002 an der Otto- Friedrich- Universität Bamberg
Beim Einbeziehen von Biografien in wissenschaftliche Forschung gehe esnicht um ,, bildungsbürgerlichen Klatsch“. Das wurde einleitend noch ein-mal gesagt. Ansonsten wurde während der gesamten Tagung Biografiefor-schung nicht in Frage gestellt sondern selbstverständlich und selbstbewusstals brauchbarer( sozial-) wissenschaftlicher Ansatz präsentiert. Einerseits istdas gut so. Standen doch lange Zeit( und stehen zum Teil noch immer)qualitative Forschungsansätze unter einem massiven Legitimationsdruckinnerhalb der scientific communities. Andererseits ist aber die Selbstver-ständlichkeit vielleicht schon zu ausgeprägt, denn, das sei vorweg gesagt,gerade die im Titel vorgeschlagene Konzentration auf( Selbst-) Reflexionkam insgesamt gesehen ein wenig zu kurz.
Man mag es auch als einen Ausdruck einer inzwischen selbstbewusstenBiografieforschung ansehen, dass die Distanz zwischen akademischer So-ziologie und professioneller Praxis von SozialarbeiterInnen, Sozialpädago-gInnen etc. verringert werden soll. Dies stellte eines der wichtigsten Anlie-gen der Veranstaltung dar. Auch wenn Abgrenzungen durch Wissenschaft-lerInnen weiterhin erfolgen, so ist real die traditionelle Arbeitsteilung zwi-schen diesen beiden Bereichen längst nicht mehr aufrecht zu halten, undAbgrenzungen sind damit obsolet geworden.
Dass sich die Arbeitsgebiete überschneiden, Theorie und Praxis, Analyseund alltägliches Handeln nicht voneinander zu trennen sind, zeigte schonder Eröffnungsvortrag von Catherine Delcroix( Versailles). Die Soziologinstellte eine von SozialarbeiterInnen initiierte und durchgeführte Aktionsfor-schung in überwiegend von MigrantInnen bewohnten und von Sozialbautengeprägten Stadtvierteln Nantes' vor. Während sich Sozialarbeit in diesemBereich bislang auf Frauen, Kinder und Jugendliche konzentriert hatte,stellte dieses Projekt Väter ins Zentrum. Im Kern ging es darum, Vater überdie Vermittlung ihrer eigenen Lebensgeschichten ihren Kindern näher zubringen und damit auch die persönlichen Ressourcen der erwachsenenmännlichen Migranten zur gesellschaftlichen Integration der MigrantInnenzu nutzen. Den beteiligten Vätern wurde ihre Kompetenz in dieser Rollebewusst, vielfach vorhandene Sprachlosigkeit und die innere Emigration dereingewanderten Männer wurde zusehends aufgebrochen. Das hatte unter