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Chronik der Volkskunde
ÖZV LVI/ 105
Tagung ,, Sozialismus- Realitäten und Illusionen.Ethnologische Aspekte der Alltagskultur"
am 7. und 8. Juni 2002 am Ethnographischen Institut( mitMuseum) an der Akademie der Wissenschaften in Sofia
Dass mehr als ein Jahrzehnt nach dem weitgehenden Ende des ,, real existie-renden Sozialismus“ eine wissenschaftliche Veranstaltung stattfindet, umsich mit demselben auseinander zu setzen, ist nicht selbstverständlich son-dern geradezu ungewöhnlich. Die Gruppe Sofioter EthnographInnen/ Ethno-logInnen, die die Veranstaltung vorbereitet hatte, entschied sich aufgrunddes enormen Interesses, aus dem ursprünglich geplanten Workshop docheine klassische Tagung zu machen, an der schließlich 32 WissenschaftlerIn-nen mit Referaten teilnahmen und etliche mehr als ZuhörerInnen.
Das Treffen diente einerseits dazu, sich mit Facetten des Alltags insozialistischen Staaten zu befassen, andererseits wurde das Selbstverständ-nis und die Rolle der Ethnographie/ Ethnologie in den jeweiligen Ländernreflektiert. Mit dem Tagungsthema und der Akzentuierung sozialer, rechtli-cher und alltagskultureller Aspekte ging man hier neue Wege. Innovativwurde auch das Bestreben der VeranstalterInnen gelobt, bislang massivvorhandene Grenzen zu überwinden: Die Ethnographien haben sich( nichtnur) in sozialistischen Ländern über verschiedene politische Systemwechselhinweg vor allem als nationale ,, Volkskulturwissenschaften" verstanden; ihrErforschen der jeweiligen Gegenwart diente dem Bewahren beziehungswei-se Herstellen des ,, national" oder ,, ethnisch" Traditionellen. Zweitens soll-ten disziplinäre Barrieren abgebaut werden. Und so standen die eingelade-nen ReferentInnen und die präsentierten Themen für den Versuch, dieDebatte über Sozialismus und Ethnologie aus internationaler multidiszipli-närer Perspektive zu führen und für das Anliegen, neue Netzwerke zuknüpfen. Unter den TeilnehmerInnen befanden sich EthnologInnen, Histo-rikerInnen, SoziologInnen und VolkskundlerInnen aus sechs verschiedenenStaaten( Bulgarien, Deutschland, Österreich, Rumänien, Russland und Ser-bien). Die Vielzahl der Sprachen brachte zwar zuweilen Kommunikations-schwierigkeiten mit sich; im Vorfeld kursierende englische oder deutscheAbstracts boten aber ebenso Orientierung wie die spontan improvisierteÜbersetzung der Diskussionen während der Veranstaltung. Dieses Problemmag jedoch auf grundsätzlichere Schwierigkeiten verweisen, mit denenVeranstalterInnen wissenschaftlicher Tagungen in Bulgarien und anderenpost- sozialistischen Staaten besonders konfrontiert sind. Die prekären öko-nomischen Situationen verhindern Binnensubventionen; und Außenfinan-zierungen, in diesem Fall von der Deutschen Botschaft in Bulgarien und der