2002, Heft 3+ 4
Literatur der Volkskunde
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Feierlichkeiten unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten, in ihrer Ge-samtheit erlaubten sie einerseits eine Stellungnahme zum veränderten PlatzDeutschlands in Europa, andrerseits trugen sie wesentlich zum fortdauern-den symbolischen Umbau Berlins bei. Irene Götz verschiebt das Nationalevon der performativen, öffentlichen Bühne auf den intimen, mentalen Insze-nierungsrahmen des Biographischen. Anhand einer Einzelperson wird ver-deutlicht, wie und wann Nationalbezug in biographischer Erinnerung undAlltagspraxis erlebt, reflektiert oder kritisiert wird.
Der ideologische Rechtsrutsch, den das Ende des 20. und der Anfang des21. Jahrhunderts Europa beschert hat, und der sich eines strukturell vielleichtbereits drittgradigen Nations- und Identitätsdiskurses bedient( der sich in derPraxis aber oft wieder wie ,, Ur- Nationalismus“ anfühlt), kommt durch die fürden Vergleich ausgewählten Gesellschaften, ausser im Beispiel Österreich,weniger direkt zur Sprache. Die Fallbeispiele sowie die theoretisch- methodi-schen Kapitel des ersten Teils liefern aber sehr wohl die ethnologische Perspek-tive sowie ein Spektrum möglicher historisch- ethnographischer Ansätze, umden mächtigen Appell heraufbeschworenen und inszenierten Nationalbewusst-seins gerade in Zeiten und Orten ökonomischen Umbruchs und verschärftersozialer Divergenz in kulturell überaus heterogen gewordenen Gesellschaftenwie Frankreich oder Holland kritisch und differenziert zu durchleuchten. DenHerausgebern sowie auch den mit drei Übersetzungen betrauten Mitarbeiterndieses Bandes muss für die weitreichende, zu weiterem Arbeiten anregendeZusammenstellung von Material und Analyse gedankt werden.
Regina Bendix
ECKER, Gisela, Martina STANGE, Ulrike VEDDER( Hg.): Sammeln-Ausstellen- Wegwerfen(= Kulturwissenschaftliche Gender Studies 2). Kö-nigstein am Taunus, Ulrike Helmer Verlag, 2001, 304 Seiten, Abb.
Längst ist den Kulturwissenschaften, wenn sie sich mit dem Phänomen desSammelns auseinandergesetzt haben, eine seltsame Dialektik aufgefallen:das Sammeln in seinen vielfältigen Erscheinungsformen ist eine kulturellePraxis von einer ausgeprägten Selbstverständlichkeit, während die zugrun-deliegenden Prozesse der Auf-, Um- und Entwertung der Sammelobjektezumeist unhinterfragt bleiben. Dementsprechend vielschichtig und unge-ordnet ist das Verhältnis zwischen Sammeln und Wegwerfen. Die Prinzipiendes Zustandekommens und allfälligen Zurschaustellens von Sammlungenzeigen keinen begründbaren Zusammenhang mit den Funktionen der Ge-genstände, mit denen sie sich vorgeblich auseinandersetzen. Es sind die