2002, Heft 3+ 4
Literatur der Volkskunde
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JANGULLIS, K. G.: Corpus Κυπριακών Διαλεκτικών ΠοιητικώνKɛчévæv[ Corpus zypriotischer Dialekttexte von professionellen Volks-dichtern], Bd. 1. Nicosia 1998, 705 Seiten, ISBN 9963-0-8042-1; Bd. 2.Nicosia 1999, 716 Seiten, ISBN 9963-0-8049-9; Bd. 3. Nicosia 2000, 417Seiten, ISBN 9962-0-8055-3; Bd. 4. Nicosia 2001, 742 Seiten, mehrereAbb., ISBN 9963-0-8065-0(= Veröffentlichungen des Zypriotischen Zen-trums für Wissenschaftliche Forschung Bd. XXI, XXIV, XXVI, XXXIII).
Der seit seiner Dissertation in Thessaloniki 1976 führende Erforscher derzypriotischen ,, Reimeschmiede“( poiitarides), professionellen ,, Meister-singern" aus Volkskreisen, deren Liedproduktionen seit der zweiten Hälftedes 19. Jahrhunderts auch als Druckheftchen greifbar sind, und heute Direk-tor des Zentrums für wissenschaftliche Forschung, das dem zypriotischenKulturministerium untersteht, hat in den letzten Jahren eine Editionsserieunternommen, die sämtliche gedruckte Liedtexte dieser Kategorie der mo-dernen trobadours umfassen soll, da sie eine authentische Quelle nicht nurder Geschichtsverarbeitung im Volksbewußtsein, sondern auch des rezentenzypriotischen Dialekts darstellen. Die Texte sind auch unter einem genuinvolkskundlichen Aspekt interessant: stellen sie im hellenophonen Raumdoch eine Art Unikum dar, da sie durchaus dem Bänkelsang der fahrendenStraßenkünstler verwandt sind, zum Teil einen städtischen Mentalitäts-habitus widerspiegeln und nicht von volkskundlichen Sammlern aufge-zeichnet worden sind, sondern von den Poetastern selbst in Druck gegebenund vertrieben werden, bzw. sich gewisse Verlage auf diese Produktionspezialisiert haben und sie fördern. Diese improvisierte Gesangskunst wirdauch in den ,, tsiattismata" gepflegt, Sängerwettkämpfen, wo die Sängernach einem vorgegebenen Motiv oder Thema auf ihrer Lyra jeweils einengeistreichen Zweizeiler, im ,, politischen“ Vers( Fünzehnsilber) mit Paar-reim improvisieren müssen, solange bis einem der beiden nichts mehreinfällt. Solche Wettkämpfe sind freilich auch im östlichen Ägäisraum( etwaauf Karpathos) und auf Kreta geläufig, doch gibt es dort nur Spuren vonBerufssängern. Aus historischer Perspektive könnte man diese Sonderstel-lung Zyperns mit der Kreuzritterherrschaft der Franzosen im Mittelalter inZusammenhang bringen.
Eine kurze Einleitung des Herausgebers führt jeweils in die spezifischenZielsetzungen der Einzelbände ein. Der erste Band hat ,, Mordtaten“ zumThema und bringt die Texte von insgesamt 103 Moritaten- Liedern voninsgesamt 37 Volksdichtern. Diese Kategorie ist besonders reichhaltig;weitere 93 Lieder sind nur dem Titel nach bekannt, die entprechenden Textegelten als verschollen. Moritatenlieder hatten offenbar den größten Publi-kumserfolg. Diese Lieder stellen natürlich kulturhistorische Quellen erster