Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LI/ 100, Wien 1997, 1-33

Zwischen ,, Volksgeist" und ,,,, VolksaufklärungÜber Volkskunde und nationale Identität in den Niederlanden( 1800-1850) ¹

Herman Roodenburg

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Der Autor untersucht die neben anderen Wissenschaften auchvom holländischen Volkskundler P. J. Mertens vertretene Auf-fassung, daß die zu Beginn des 19. Jahrhunderts dürftigenErgebnisse der holländischen Volkskunde einer nur schwachentwickelten Tradition nationaler Identität zuzuschreibensind. Wenn solche Geistesströmungen in den Niederlanden zuBeginn des 19. Jahrhunderts auch sicherlich existierten, sounterschieden sie sich nach dieser Argumentation doch deut-lich von den zeitgenössischen Gefühlen nationaler Identität inDeutschland, von denen romantische Intellektuelle wie z.B.die Brüder Grimm so viel von ihrer Inspiration schöpften.Tatsächlich war es dieser Unterschied der allgemein be-kannte Gegensatz zwischen einem ,, westlichen und einem,, östlichen Modell der nationalen Identität- welcher eineernsthafte Annahme der Idee der Brüder Grimm und andererHeidelberger Romantiker in den Niederlanden behinderte.Bei der Erforschung dieser Rezeption diskutiert der Autor diegrundlegenden Auffassungen von Sprache und Geschichte.Die Argumentation ist um die Kontakte oder vielmehr dieMiẞverständnisse zwischen drei Protagonisten aufgebaut: denbeiden Deutschen Jacob Grimm und August Hoffmann vonFallersleben und dem niederländischen Dichter Willem Bil-derdijk.

1821 besucht der junge Hoffmann von Fallersleben- er war damals23 Jahre alt die Niederlande zum ersten Mal. Drei Jahre zuvor hatteer Jacob Grimm getroffen, ein Ereignis, das sein weiteres Lebenbestimmen sollte. Als er ihm erzählte, daß er nach Italien und Grie-chenland reisen wolle, um dort die Überreste der antiken Kunst zu

1 Mit Dank an meine Freunde Maria- Theresia Leuker und Gert- Jan Johannes. DerText wurde übersetzt von Frau Tatjana Langela, Bocholt.