Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
Seite
85
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1997, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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Selbst 500 Märchen können nur eine Auswahl sein, aber ich meine: hiersind wirklich die verbreitetsten und bezeichnendsten Erzähltexte getroffen.Die Vielfalt erhält jedoch gleichzeitig eine Akzentuierung auf das, was imBereich der Oraltradition und der Publikation die stärkste Resonanz gefun-den hat.

Scherf beschränkt sich nicht auf den europäischen Raum, wie es sonst inder Märchenforschung zumeist üblich ist, er bezieht auch die andern Konti-nente und ihren Erzählschatz mit ein. Als Fachmann der Psychologie legt erin seiner Ausdeutung besonderen Wert, Mentalität der Erzähler und ihrerZuhörer von diesem Gesichtspunkt aus zu erschließen. Doch werden darüberandere Aspekte der Märchenforschung nicht vernachlässigt. Das gilt etwaauch zum Bezug, den einzelne Geschichten zu literarischen Komplexen-dem Volksbuch ebenso wie der Kunstliteratur- haben.

Die Artikel sind so geschrieben, daß man sie gefesselt liest und sich aufdiesem weiten Weg durch den Märchenbereich willig an der Hand nehmenläßt, weil man auf Schritt und Tritt Neues erfährt. Daß dann manchmal etwassubjektiv gesehen wird, liegt in der Natur der Sache. Das darf zum Beispielfür die Frage der Abgrenzung gelten, die in manchen Fällen nur aus derjeweiligen Funktion erschließbar werden könnte. Und das würde wiedervoraussetzen, daß man die spezifische Erzählfunktion und sowohl denErzähler wie sein Publikum kennt. Der Übergang liegt bei den Nachbargat-tungen Märchen und Legende auf der Hand. Aber mit vollem Recht nimmtScherf Texte wie, Niklaus der Wundertäter in sein Lexikon auf.

Das Lexikon schließt einen sehr breiten Anhang mit ein. Neben einemVerzeichnis der Abkürzungen und Kurztitel enthält er eines der Sammelwer-ke, eines der Erzähltypen sowie ein Personen- und ein Motivregister. Vorallem durch das letztere wird die Benützung des Lexikons sehr erleichtert.Insgesamt ist dieses Werk sowohl eine sehr nützliche wie auch erfreulichePublikation.

Felix Karlinger

BRÜDER GRIMM, Kinder- und Hausmärchen. Nach der Großen Ausgabevon 1857 textkritisch revidiert, kommentiert und durch Register erschlos-sen. Herausgegeben von Hans- Jörg Uther. München, Eugen DiederichsVerlag, 1996, Band I: 332 Seiten, Band II: 352 Seiten, Band III: 315 Seiten,Band IV: 416 Seiten.

Man mag fragen, ob nach so vielen Ausgaben der KHM eine weitere nötigwar. Angesichts der vier vorliegenden Bände muß man sagen: ja- und mankann dieser Serie einen abschließenden Charakter zusprechen.