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Literatur der Volkskunde
ÖZV LI/ 100
Daß die Texte der Märchen exakt sind, dafür bürgt der mit wissenschaft-licher Akribie arbeitende Herausgeber Uther. Für die meisten Leser viel-leicht nicht, wohl aber für den Fachmann ergeben sich daraus Konsequen-zen. Was diese Ausgabe jedoch auch für den nichtspezialisierten Interessen-ten wertvoll macht, sind die Zutaten: Wörterverzeichnis, Nachwort, Typen-und Motivkonkordanz, Verzeichnis der Quellen, Beiträger und Vermittler,die Register sowie die Nachweise und Kommentare.
Zu bedauern ist, daß das mehr als 50 Seiten umfassende Nachwort Uthersnicht als eigenes Bändchen zugänglich ist, denn es bildet eine der wesentlichstenZusammenfassungen über die KHM, die man sonst kaum findet. Von derFrühgeschichte der KHM führt sie über die Stufen ,, Auf der Suche nach Texten"und ,, Die Brüder Grimm und ihre Konkurrenten“,„ Zur Entstehungs- undTextgeschichte“ zu den ,, Anordnungsprinzipien“ und ,, Zur Gattungsproblema-tik"; die ,, Bearbeitungstendenzen“ nehmen in der Folge zu Recht einen breite-ren Raum ein. Uther durchleuchtet aber auch den zeitgeschichtlichen Hinter-grund sowie die Illustrationen, welche die Texte der KHM ausgelöst haben.
Im 4. Band wird dann jedes einzelne Märchen kommentiert und quellenkri-tisch untersucht, wobei mancherlei Zusammenhänge hinsichtlich der Verarbei-tung des Motivs in anderen Sprachräumen aufgedeckt werden. Diese Erläute-rungen sind gut lesbar geschrieben und zweifellos auch für den Nichtwissen-schaftler reizvoll und informativ. Wie schon in vielen Einzelheiten des Nach-worts liegt hier ein Stück Kulturgeschichte in klaren Einblicken vor.
Die Beschäftigung mit dem Märchen, die immer zwischen der Scyllaeiner schwärmerisch übersteuerten Liebhaberei und der Charybdis einer zusehr in wissenschaftlicher Sprache verklausulierten Deutung eingespanntgewesen ist, findet in diesen Kommentaren eine nüchterne und gleichzeitigansprechende Form.
Das Literaturverzeichnis umfaßt 36 Seiten und gibt jedem, der sichstärker für eine einzelne Thematik oder Problematik interessiert, die Mög-lichkeit, Zugang zu speziellen Quellen oder Darstellungen zu erlangen.
Man kann bei einem so umfangreichen Werk schwer auf Details eingehen,sondern nur summarisch sagen: Es ist optimal gelungen.
Felix Karlinger
CANTWELL, Robert, When we were good: The Folk Revival. HarvardUniversity Press, Cambridge, 1996, 412 Seiten, 17 s/ w- Abb.
Unter den prägendsten Erlebnissen meiner Jugend in der Schweiz waren dieMusik- und Folkfestivals der 1970er Jahre, die in szenisch vorbelastetenKontexten wie auf Schloß Lenzburg und auf dem Gurten bei Bern Musikeraus allen Ecken der Welt zusammenbrachten und für lange Wochenenden