1997, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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MIDDENDORF, Heinrich J., Der Senn ist der Käser und der Chef. Wup-pertal, Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, 1996, ca. 170 Seiten( n.p.), 20 s/ w- Abb.
,, Sagen Sie mal, wie kommen Sie eigentlich auf die Alp? Sie sehen nichtaus wie ein Älpler"(...)„ Ich bin Ethnologe“, sagte ich wohl etwasunsicher. Eine kurze Pause entstand, und ich fügte hinzu:„ EigentlichEskimologe Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimologe.“ Er fing an wiehernd zu lachen, und verrenkte sich dabei irre.Ich dachte, ich hätte ihn völlig verwirrt, aber er sagte: ,, Das ist gut. Daas istgut! Da sind Sie hier genau richtig bei den Haldensteiner Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos.“
Die Begegnung zwischen dem Tierarzt aus der Kantonshauptstadt unddem Ethnologen, der sich als Älpler nach Graubünden verdungen hat, stehtam Anfang eines ungewöhnlichen biographischen Forschungsprojektes.Warum nicht Feldforschung in der Schweiz treiben, wo man keinen ,, billigenKuli oder Gewährsmann zur Seite hat" und selbst in der Rolle des Knechtund Hirten ist? Heinrich J. Middendorf ließ sich dazu verleiten; im Alpsom-mer 1988 führte er lange Gespräche mit dem Älpler Hans Luzi Hitz( 1924–1991) und zeichnete sie auf Tonband auf. In Hitz war er auf ein ausgespro-chenes Erzähltalent gestoßen, dem mit einem strukturierten Leitfaden nichtgerecht zu werden war: ,, Er konnte ganze Nachmittage und Abende, nur voneinem Stichwort ausgehend, verspinnen."
Die Vorgeschichte( akademisches Alppersonal mit ethnowissenschaftli-chen Interessen ist in der Schweiz keine Seltenheit mehr und böte sich selbstals Gegenstand des Ethnographierens an) und das Korpus an Geschichtenund Geschichtchen des Älplers Hitz sind freilich weniger außergewöhnlichals die Überlegungen, die nun nach Jahren des Experimentierens zur Editionin der vorliegenden Form geführt haben. Middendorfs Problem war offen-sichtlich eines, dem schon manches Material aus lebensgeschichtlichenErzählungen zum Opfer gefallen ist: Mündliche Sprache wird auch mit nochso ausgeklügelten( linguistischen und sozialwissenschaftlichen) Transkrip-tionssystemen nicht lesbarer, im Gegenteil, Rhythmus und Syntax ver-schwinden im Dickicht der Zeichen und sekundären Noten, den Erzähler, hört man kaum mehr durch. Wer sich je durch eine O- Ton- gläubige wis-senschaftliche Arbeit gequält hat, kennt die Schwierigkeiten, die sich daauftun zwischen Text- und Situationstreue, zwischen den Ansprüchen aufAuthentizität und Benutzbarkeit. Middendorfs Lösung ist kein Kompromiẞ,sie stellt vielmehr den Eindruck machenden Versuch dar, den Sprachfluß mitden elementarsten Formen der Textgestaltung- nämlich denen der Typo-graphie in die papierene Form zu übersetzen.
Eine schlanke Kolumne zieht sich über großzügig raumgebende, unpagi-nierte Seiten und schafft dabei ein nicht- lineares Textbild. ,, Wechselt LuziHitz in seiner Gedankenführung, so wechselt auch der ursprünglich links-